Wir dürfen keine britischen Verhältnisse dulden

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Das britische Gesundheitssystem, bei seiner Einführung als vorbildliches Modell angekündigt, steht vor dem Crash. Sogar die Premierministerin Theresa May hat sich öffentlich bei den Patienten entschuldigt. Dabei wurde Gesundheitsversorgung als Asset für den Brexit inszeniert: 300 Millionen Pfund pro Monat oder mehr, könnte man in Gesundheit investieren, wenn man aus der EU draußen sei, hieß es. Jetzt ist das Fiasko total: Warteschlangen, Gangbetten, Menschen sterben am Gang. Nichts geht mehr. 

Das britische Modell ist am Ende. Rationierung, Zentralisierung und Entmündigung des niedergelassenen Bereiches funktionieren nicht. Die Menschen verkommen buchstäblich auf der Straße.

In der Schweiz will man Menschen zwingen, die jeweils günstigste Allgemeinversicherung zu wählen, und hat die freie Arztwahl deutlich eingeschränkt. Dort will man Milliarden am Gesundheitssystem sparen. Man wird – und das in einem der reichsten Länder – damit ein funktionierendes System zum Erodieren bringen.

In Deutschland wird über eine allgemeine Krankenkasse – Bürgerversicherung – für alle diskutiert. Nicht nur die Ärzte, die Versicherungen selbst, sind dagegen.

Dagegen ist das österreichische Modell – bei allen Verbesserungsnotwendigkeiten – immer noch vorbildlich. Weil es eine flächendeckende Versorgung vorsieht, und es die Balance und Verzahnung zwischen muralen und extramuralen Bereich erlaubt. Und vor allem, weil die Sozialversicherungen ebenso wie die Ärzte autonomen Status haben. Und die exklusiven Verhandlungspartner mit Selbstverwaltung sind.

Selbstverwaltung soll auch nicht angetastet werden. Man kann über österreichweite Rahmen-Normen reden, es ist legitim und notwendig, dass es einheitliche Leistungs- und Honorarkataloge gibt. Man darf deshalb aber den Landesorganisationen nicht die Spielräume nehmen und man muss – generell und mit regionalen Upgradings – die Honorare für Allgemeinmediziner deutlich erhöhen. Und in der Frage der Gruppenpraxen, PHC oder alternative Kooperationsformen sollte man ebenso flexibel bleiben.

In Städten, vor allem in Großstädten – herrschen andere Bedürfnisse als am Land und in Kleinstadtmilieus. In Gemeinden mit hohem Kinderanteil bedarf es anderer Betreuungsformen als in Regionen mit mangelnder Infrastruktur und abstrakter Überalterung.

Was wir in Österreich brauchen: eine Offensive für qualifizierten Nachwuchs, eine Rückholaktion derjenigen Ärzte, die ins Ausland gegangen sind, ein verbindliches Krankenhausgesetz und ordentliche Entlohnung, mehr Personal in allen Gesundheitsberufen, und eine Politik, die zwar – gemeinsam mit den Ärzten – Rahmen vorgibt, aber nicht ins Operative eingreift. Das führt zu nichts. Nicht nur in der Gesundheitspolitik.

Wer zu stark reguliert und konzentriert ist am Irrweg. Siehe Großbritannien. Irgendwann geht die Menschenwürde verloren. Das dürfen wir nicht erlauben.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer


Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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