Amazon ante portas

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Lieber Selbstverwaltung als eine Krankenkasse des Onlinemultis

In Zukunft wird Amazon nicht nur Bücher und sonstige Waren – bis hin zu Frischgemüse – anbieten, sondern auch Krankenversicherungen. Und alle Medikamente, die zugelassen sind. Das lässt schlimmes befürchten. Deshalb: Keine Aufweichung des Prinzips der Selbstverwaltung. Das ist ein Appell an die Bundesregierung und Sozialpartner.

Bereits heute werden 80 Prozent der rezeptfreien Medikamente in den USA über Amazon verkauft. Seit kurzem hat Amazon in einem dutzend US-Bundesstaaten auch eine Lizenz für den Großvertrieb von rezeptpflichtigen Medikamenten beantragt. Und wird sie auch bekommen.
Nicht nur das. Amazon bereitet gemeinsam mit dem Starinvestor Warren Buffet die Gründung einer eigenen Krankenkasse vor. Mit einer speziellen Vorsorgeprämie.

Man stelle sich vor: Amazon hat das absolute Datenmonopol, kennt jeden seiner hunderten Millionen von Kunden bis in seine geheimsten Kauf- und Lebenswünsche, weiß um dessen Risiken und versichert nun mehr die Kunden gegen Krankheit.

Mit dem Medikamentenmonopol, dem Wissensmonopol – Ratgeber und sonstige elektronische Speichergeräte – mit Alexa als der allwissenden Wunscherfüllungsmaschine und mit einer Big-Data-Erfahrung, wie sie kaum ein anderer großer Konzern hat.

Mehr noch.Man will ein gigantisches Verwaltungszentrum für medizinische Behandlungen aufbauen, wie es harmlos heißt. Was dahinter steckt: die totale Kontrolle und das Ende der Vertraulichkeit.

Amazon wird sich durch die Staatsgrenzen der USA nicht aufhalten lassen. Amazon will die Welt erobern. Schon heute ist der deutschsprachige Markt der wichtigste nach dem Heiratsmarkt. Amazon hat alleine im vergangenen Jahr 16 Milliarden Euro in Deutschland umgesetzt – mit Kleinstwaren.

Gegen die „Amazonisierung“ des Gesundheitssystems müssen wir uns wappnen. Sonst gibt es nur noch Amazon Apotheken, Amazon Versicherungen und Amazon Kliniken sowie Amazon Ferndiagnosen. Und – das ist zu erwarten – den regen Handel mit den Daten der Kunden, sprich Patienten.

Das österreichische Prinzip der Selbstverwaltung und absoluten Autonomie – bei Ärztekammer und beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger – hat sich bewährt. Politik hat strukturell dort nichts verloren. Und, wenn Politik unter dem Motto der Reorganisation der Sozialversicherungen vorhat, Delegierte der Bundesregierung – und damit der Parteien – in die Gremien der Versicherungen zu setzen, wie es schon beim AMS, oder beim ORF, der Fall ist, dann ist das das schleichende Ende der Selbstverwaltung.

Wenn die EU vorhat, den Status der Freien Berufe zu ändern, unter dem Vorwand des freien Dienstleistungs-, Waren- und Niederlassungsverkehrs – dann gilt es sich ebenfalls zu wehren.

Denn damit sind Tür und Tor geöffnet, für internationale Konzerne, die Daten und den Markt beherrschen.

Ich möchte nicht bei Amazon versichert sein. Denn irgendwann wird es dann heißen: Ihre Prämien müssen angepasst werden. Und zwar auf Knopfdruck. Sonst ist man das letzte Mal Amazon versichert gewesen.
Wem Gesundheitsvorsorge was wert ist, dem sei angeraten, einer totalen Privatisierung von Anfang an, den Riegel vors Schloß zuschieben.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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