Auf in die Mündigkeitsgesellschaft …

111 total views, 5 views today

Immer mehr Gastronomen erklären ihre Lokale zu Nichtraucherzonen – obwohl das Rauchverbot in einem nahezu abstrus-skurrilen Akt im Parlament zurückgenommen wurde. Immer mehr Raucher akzeptieren das. Dazu hat sicherlich auch das von der Ärztekammer und der Krebshilfe initiierte Volksbegehren beigetragen. Das war auch das vorrangige Ziel: Selbsterkenntnis.

Eines der wesentlichen Ziele jeder Gesundheitspolitik muss heißen: der mündige, selbstkritische Patient. Heilungsprozesse werden beschleunigt, wenn Patienten mitarbeiten, aktiv etwas tun für ihre Gesundheit.

Gerade angesichts massiv sich verbreitender Zivilisationskrankheiten – Adipositas, Diabetes und Gehörschäden bereits bei Kindern und Jugendlichen, Schädigungen des Bewegungsapparats bei Jungen, Burn-Out, Wirbelsäulenschäden, etc. – ist Gesundheitsbewusstsein entscheidend. Wissen über den eigenen Körper, Wissen um vernünftige, ausgewogene Ernährung. Und Bereitschaft zur Bewegung.

Das nennt man aktive Prävention. Die muss in der Schule, im Kindergarten einsetzen, vor allem auch im Dialog Eltern/Kinder. Und das wiederum ist eine Aufgabe der Bildungspolitik. Mens sana in corpore sano.

Schaut man sich die einzelnen Budgets an, die von der Regierung präsentiert wurden, ist von Prävention kaum die Rede. Es gibt immer noch kein dezidiertes Budget, keinen Gesundheitsplan für Schulen, keine dementsprechenden Schulfächer oder Unterrichtsprinzipien. Dafür der Fetisch Nulldefizit. Ein Denkdefizit.

Wer in Prävention investiert, spart später Milliarden an „Reparaturen“, Therapien und Arbeitsausfällen aufgrund von Krankheiten. Wer richtige Ernährung fördert, verhindert die Verfettung einer Gesellschaft. Das trifft mittlerweile nicht mehr nur auf die hochentwickelten Länder zu, sondern auch auf Schwellenländer. Die Zahl der Übergewichtigen steigt in Ländern wie Brasilien, Mexiko und China besorgniserregend. Statt am Strand Fußball zu spielen, verschlingen die Kids in Brasilien Burger und trinken Unmengen Cola.

Nachhaltige Gesundheitspolitik ist Bildungs- und Sozialpolitik. Dass sollte sich die Regierung bewusst sein. Und Maßnahmen setzen. Gerade in Zeiten der Hochkonjunktur und gerade angesichts der Überalterung der Gesellschaft.

Prävention und Gesundheitsbewusstsein entlasten überforderte Versorgungssysteme. Wer weiß, wie sein Körper funktioniert, weiß auch einzuschätzen, wann ein Arztbesuch dringlich notwendig ist und wann man einfach abwarten, entschleunigen und – im übertragenen Sinn – Tee trinken soll.

Mündige Patienten können sich den Ärzten gegenüber besser erklären – damit werden Diagnosen treffsicherer, Missverständnisse reduziert.
Ärzte sind angewiesen auf die Auskunftsoffenheit von Patienten. Vielleicht ist es angeraten, Gesundheitspolitik und Gesundenpolitik vom anderen Ende anzudenken. Möglichst früh dafür zu sorgen, dass Gesundheit erhalten bleibt. Und Wohlbefinden als gleichwertige Kategorie empfunden wird. Gesundheit ist Abwesenheit von Krankheit, heißt es in der WHO-Charter.

Wenn Gesundheitspolitik das in den Vordergrund stellt, ist viel gewonnen. Dafür aber muss Geld eingesetzt werden. Jetzt. Nicht nur das: Es muss die Infrastruktur gegeben sein – von funktionierenden Turnsälen und Sportplätzen bis zu ordentlichen Nahrungs-Versorgungsketten an den Schulen, in den Betrieben.

Mut zur Prävention. Und Mittel für Prävention. Das würden wir uns von einer gesundheitsbewussten Regierung wünschen.

Die Pensionsversicherung und SVA sind mit der Neudefinition des Kurbegriffs einen ersten, richtigen Schritt gegangen.

Scheinliberalismus wie Raucherlaubnis unter dem Siegel der persönlichen Freiheit ist der falsche Weg. Es macht Hoffnung, dass die Menschen nicht bereit sind, weiter mitzuspielen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien


Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen