Rücktritt für einen Neubeginn?

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Die Wiener Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger hat ihren Rücktritt angekündigt. Hauptgrund waren wohl die jüngsten Turbulenzen rund um das Krankenhaus Nord. Objektiv gesehen hatte Sandra Frauenberger mit den Fehlplanungen und Missständen, die teilweise Jahre zurückliegen, nichts zu tun.

Auch nicht mit den anderen Unzulänglichkeiten im KAV. Sie musste ein Ressort übernehmen – eines der größten und gleichzeitig eines der am schlechtesten gemanagten – und eine Reorganisation des Krankenanstaltenverbundes einleiten – und stieß dabei auf großen internen Widerstand.

Eines muss man ihr zu Gute halten. Sie hat sich redlich bemüht, das Verhältnis zur Ärztekammer und zur Ärzteschaft zu entkrampfen, sie hat die Krankenhäuser und Kliniken besucht und Interesse sowie Verständnis für die schwierige Situation, in der sich die Mitarbeiter befinden, gezeigt.

Sie war offener als ihre Vorgängerin, auch in den Verhandlungen mit uns Ärzten.

Dass es ihr nicht gelungen ist, akute Probleme, wie die Gangbetten zu lösen oder die Führungsspitze des KAV und des Krankenhaus Nord rasch und effizient neu zu bestellen, sondern sich Zeit gelassen hat, mag man ihr vorwerfen. Ob sie es hartnäckig genug versucht hat und genügend Einsicht in die Verwicklungen hatte, kann von dieser Stelle aus nicht beurteilt werden. In jedem Fall. Es gab gute Ansätze zu einer nachhaltigen Kooperation zwischen der Stadt und der Ärzteschaft.

Ich mag mich nicht an Spekulationen beteiligen, ob sie im Zuge der kommenden Regierungsbildung und des bevorstehenden Bürgermeisterwechsels überhaupt zum Zug gekommen wäre – das steht mir nicht zu und hat uns als Ärztekammer auch nicht zu interessieren.

Umso entscheidender wird sein, wer sich in Zukunft zutraut den Augiasstall Gesundheitsversorgung und Krankenhaussystem in Wien zu übernehmen, Strukturen zu ordnen und ein leistungsfähiges, gleichzeitig soziales, empathisches Management etablieret und den Transfer des KAV in eine neue Gesellschaftsform bewältigt.

Für uns ist wesentlich, dass die oder der neue Stadtrat und die Restregierung erkennt, dass Gesundheit – neben dem Thema Wohnen und Arbeit, sowie Integration – die große Herausforderung der kommenden Jahre ist und, dass die Zeit der kosmetischen Behübschung und Realitätsverdrängung endgültig vorbei ist.

Komplettes Neuschreiben des Krankenhauskonzepts, das nicht realisierbar ist, zügige Fertigstellung und vor allem Betriebssicherung des Krankenhaus Nord, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Es fehlt an Personal an allen Ecken und Enden: bei den Krankenhausärzten und im niedergelassenen Bereich, der Hausarzt droht auszusterben und damit droht auch die wohnortnahe Versorgung löchrig zu werden. Es herrscht explodierender Pflegebedarf – Wien wird in den kommenden Jahren überproportional stark wachsen.

Eine Sparpolitik, wie sie in den vergangenen Jahren betrieben wurde, kann so nicht weitergeschrieben werden. Sonst kollabiert da System. Eine stärkere Vernetzung mit dem niedergelassenen Bereich – und eine Abkehr von sturen PHC-Fetischismus – ist unerlässlich.

Wir Ärzte sind offen und bereit zur Kooperation. Und wir werden uns zu wehren wissen, wenn wieder Entscheidungen über unseren Köpfen getroffen werden und wir nicht in die Gestaltungspolitik eingebunden sind.
Wer auch immer unser Gegenüber in den kommenden Jahren sein wird – wir sind offen für Kooperationen. Allerdings nur auf Augenhöhe und bei Mitsprache- und Gestaltungsrecht.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
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