Bitte keine Verordnungspolitik

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Vor wenigen Monaten sorgte eine Meldung für Aufsehen, wonach in den USA die Grenzwerte für Bluthochdruck gesenkt worden seien. Einige EU-Staaten kündigten an, dass sie diesen Schritt nachvollziehen würden. Mit einem Schlag hätten wir Millionen von bluthochdruckgefährdeten Patienten mehr. Ohne, dass sich an deren Gesundheitsbild etwas geändert hätte.

Das Setzen von Grenzwerten ist stets problematisch. Nunmehr aber scheint vorauseilende Übervorsicht um sich zugreifen. Laut einer Studie der Universität Innsbruck, sind die bislang geltenden Grenzwerte – oder Empfehlungen – für den wöchentlichen Alkoholkonsum mit 160 Gramm pro Woche deutlich zu hoch. Man verlangt 100 Gramm als Empfehlung. Das mag korrekt sein.

Ähnliche Beispiele gäbe es zu Dutzenden aufzuzählen. Allen ist gemein: vorauseilender Vorsichtsgehorsam statt Vernunft und Achten auf das Wohlbefinden.

Für Betroffene – also die Patienten – sind diese Grenzwerte – manchmal im Mikrobereich – zumeist weder verständlich, noch umsetzbar. Wer etwas nicht versteht, wird sich auch schwer tun sich an Verordnungen zu halten.

So wird Prävention zu Verbotskultur und zumeist kontraproduktiv. Und teuer noch dazu. Es ist dem Gesamtgesundheitsbild sicherlich kaum zuträglich, wenn plötzlich aufgrund von Absenkungen des Grenzwertes für Bluthochdruck hunderttausenden Rezepte ausgestellt und Medikamente verordnet werden, deren Einnahme wahrscheinlich gar nicht notwendig wäre.

Ich selbst bin Labormediziner und weit davon entfernt, einer rein erfahrungsbasierenden Medizin das Wort zu geben. Und ich weiß, wieviel an Fehl- und Überbehandlungen vermieden werden könnte, wenn man früh genug Labordiagnostik richtig anordnen und interpretieren würde. Früherkennung und Frühdiagnostik haben nichts mit Vorsorge zu tun. Aber sie könnte den Weg zur Vorsorge ebnen.

Viele Staaten – auch Demokratien – betreiben derzeit eine exzessive Verordnungs- und Verbotspolitik. Und bedenken nicht, dass ein Verbot zwangsläufig das nächste nach sich zieht, ohne dass es rational erklärbar wäre.

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben, sowohl der Medizin, als auch der Gesundheitspolitik, mündige Patienten zu fördern. Und nicht Menschen, die sich einem System oder einer Therapie ausgeliefert empfinden, ohne den Sinn zu verstehen. Damit verkehrt sich gut Gemeintes in sein Gegenteil.

Und das hilft niemandem. Im Gegenteil, es liefert denjenigen wieder Argumente in die Hand, die andauernd fordern, man müsse im Gesundheitssystem sparen. Dann nämlich wird aus Rationalisierung eine Rationierung. Das ist der wohl unsozialste Grenzwert, weil er Menschen irgendwann von einer Behandlung ausschließt.

Freiheit wofür, heißt auch immer Freiheit wovon. Und umgekehrt.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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