Und sie bewegen sich doch

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Anscheinend haben sich die Gesundheitsministerin und der AUVA Obmann zu einem halbwegs konstruktiven Gespräch getroffen. Da kommt vorsichtiger Optimismus auf. Es zeigt sich: Widerstand lohnt sich, vor allem, wenn er von uns Ärzten kommt – und geschlossen formuliert wird. Das sollte auch bei kommenden Problemen der Ansatz sein – und Probleme sind genügend da.

Gesundheitspolitik muss Augenmaß und Humanismus in einem sein. Aus rein ökonomisch vordergründigen Motiven, sollte man ein System, das auf Selbstverantwortung und -verwaltung aufgebaut ist, nicht aushebeln. Das gilt für die AUVA ebenso wie für die Gebietskrankenkassen und den Hauptverband.

Und es sollte auch für das Megaproblem Alters- und Pflegeversicherung gelten. Was da auf uns zukommen wird, muss jetzt mit Vernunft und ohne Emotionen gelöst werden. Die Pflegekosten werden explodieren, es fehlt an allen Ecken und Enden an Personal: Ärzte, Pfleger, soziale und mobile Pflege- und Hilfsdienste.

Wieder komme ich darauf zurück, dass Gesundheitsversorgung nur integrativ umgesetzt werden kann: Mit dem Hausarzt und der wohnortnahen Erstversorgung als Basis, mit einem breit angelegten Präventionsprogramm und ärztlichen Zentren am Land – wie auch immer die ausschauen. Man kann der Selbstorganisationskraft der Ärzte vertrauen.

Um diese wohnortnahe Versorgung – gewissermaßen als Basis für ein gesundes Leben – zu garantieren, muss wieder einmal Geld in die Hand genommen werden. Aktuell für bessere Honorierung und Infrastruktur für die Land- und Hausärzte, für eine bessere Ausbildung und vor allem für Support in der elektronischen Vernetzung. Ein Bonus für Ärzte, die sich am Land niederlassen, Ermöglichung von Gruppenpraxen neu und zusätzlich mobile Servicedienste. Die Wege sind weit – gerade am infrastrukturell ausgedünnten Land.

Mehr Kassenstellen in den urbanen Zentren und eine deutliche Tariferhöhung des Entgeltes bei Hausbesuchen, leichteres Switchen von Angestellten zum Selbstständigen und umgekehrt, Teilzeitarbeitsmöglichkeiten ausbauen. Und endlich: Ärzte sollen Ärzte anstellen können.

Letztendlich wird man – siehe das Scheitern des Krankenhauskonzeptes in Wien – um ein radikales Neudenken der Krankenhausinfrastruktur nicht hinwegkommen. Angefangen vom Umbau von Akutbetten in Pflegebetten, dem Ausbau von Filterambulanzen bis hin zur Infragestellung von kleinen Spitälern, die noch dazu in geringer Entfernung von einander sind. Die inadäquate Auslastung der Krankenhäuser – zu viele teure Akutbetten, zu rasche Entlassungen und daraus resultierende Wiedereinweisungen, mangelnde REHA-Einrichtungen – ist dabei ebenso ein zu lösendes Problem, wie die Frage nach einheitlichen Standards und Leistungsbeschreibungen für die einzelnen Krankenhäuser. Das wird einigen lokalen Politkaisern zwar weh tun, ist aber notwendig.

Wie gesagt, dass nach der Zeit der unüberlegten Schnellentschlüsse aus dem Gesundheitsministerium nun etwas Reflexion einzukehren scheint, ist ein Hoffnungsschimmer. Das wird uns bestärken, weiterhin kritisch zu bleiben und Widerstand zu leisten, wo es notwendig ist.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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