Ärzte braucht das Land. Und Empathie.

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Es wird kälter in Österreich – im Gegensatz zu den sommerhaften Apriltemperaturen: Einschnitte, Sparmaßnahmen, Fetisch Nulldefizit. Gleichzeitig wird die Kluft zwischen Arm und Wohlhabend größer. Ebenso die Lücken im Sozialstaat – und in der Gesundheitsversorgung. Wir brauchen Ärzte. Und wir brauchen etwas mehr Empathie und Sozialethik.

Wenn über Gesundheit, Sozialmaßnahmen oder Mindestsicherung diskutiert wird, geht es stets um Einsparungen, Kürzungen, Rationalisierungen – und Rationierungen. Und um Ökonomie, nicht um Wohlbefinden.

Es ist richtig, dass unser System teilweise aufgebläht ist, dass es Doppelgleisigkeiten und Intransparenzen gibt, und auch öffentliche Geldvernichtung bei Gesundheitsprojekten.
Anderseits sind wir ein reicher Staat. Haben wir es notwendig, dass immer mehr Menschen unterhalb der Armutsschwelle leben? Dass es immer mehr Menschen gibt, die sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können, obwohl sie arbeiten oder eine Durchschnittspension beziehen? Die sich die private Zusatzversicherung gerade im Alter nicht mehr leisten können. Dann, wenn sie sie am notwendigsten brauchen.

Ökonomische Diskussion erleben wir im Gesundheitsbereich. Viele verkennen dabei, dass es ein übergeordnetes Ziel gibt: Der kostenlose, barrierefreie Zugang zur Spitzenmedizin für jeden. Und eine Garantie der flächendeckenden Erstversorgung.

Das hat zur Konsequenz: Wir brauchen genügend Kassenärzte, wir brauchen leistungsfähige Ambulanzen und ein breites System der postoperativen Betreuung. Alles das ist derzeit nicht – oder bald nicht mehr – garantiert.

Daran ändert sich kurzfristig auch nichts, wenn man Sozialversicherungen zusammenlegt, die Beiträge zur Unfallversicherung senkt und die gesamte Institution zerschlagen möchte. Und daran ändert sich schon gar nichts, wenn weiterhin Ärzte abwandern, weil sie anderswo bessere Arbeitsbedingungen haben und sich niemand mehr für Landarztstellen bewirbt, weil die Verdienstmöglichkeiten in keinem Verhältnis zum Arbeitsaufwand stehen.

Und daran ändert sich auch nichts, wenn weiterhin in den Krankenhäusern Diensträder gestrafft, Abteilungen zusammengelegt werden, um Kosten zu sparen.

Der Staat müsste – und es betrifft alle Bürger in diesem Land – ein klares Bekenntnis zur flächendeckenden und weitestgehend barrierefreien Gesundheitsversorgung für alle ablegen. Und ein Bekenntnis zur Pflegegarantie für ältere Menschen. Es wird in Zukunft immer mehr pflegebedürftige Menschen geben.

Und wir sollten ein Bekenntnis zu einem gesunden Österreich ablegen: das heißt, viel mehr Prävention und Gesundheitsbewusstsein bei Jugendlichen.

So viel Geld muss da sein. Nulldefizit hin oder her. Wir haben ein nachhaltig starkes Wirtschaftswachstum. Man sollte einen Teil davon für ein Wachstum des Sozialstaates investieren.
Damit auch in Zukunft möglichst viele gesunde Menschen beitragen können, dass auch unsere Wirtschaft stabil bleibt.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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