E-Doctor. Kein Ersatz für den Humanmediziner

3,933 total views, 5 views today

Der Deutsche Ärztetag hat sich nun mit deutlicher Mehrheit dafür entschieden, dass Patienten künftig auch „ausschließlich aus der Ferne“ behandelt werden können. Mit der Einschränkung: der „Goldstandard“ sei weiterhin der physische Kontakt mit dem Arzt. Revolution oder Eingeständnis, dass man Entwicklungen nicht mehr aufhalten könne?

Klar ist: Telemedizin kann klassische Medizin nicht adäquat ersetzen.

Diagnosen ohne Direktkontakt mit dem Patienten sind strukturell fragwürdig. Telemedizin als Ergänzung, ja. Aber nicht „ausschließlich“. Da bin ich mir mit fast allen meinen Kollegen einig.

Tatsache ist: automatisierte Diagnostik gibt es, immer präziser, schon seit Jahren und fernmündliche Beratung auch. Die echte Kompetenz des Arztes wird damit – ernsthaft gesprochen – nur aufgewertet. Er wird zum „professionellen“ Interpretator, Analytiker und Expertisenträger. Darum geht es und das ist der „Goldstandard“.

Es heißt immer noch Humanmedizin und nicht Maschinenmedizin. Telemedizin in krass unterversorgten Gebieten, mit großen Distanzen mag sinnvoll sein, nicht aber in dicht besiedelten Räumen.

Angesichts der zunehmenden Technifizierung, der Digitalisierung und des gesellschaftlichen Umbruchs überall – virtuelle Kommunikation ersetzt haptische – erscheint die Entscheidung des deutschen Ärztetags logisch. Man muss aber eines verhindern: die klammheimliche Übernahme des Gesundheitsmarktes und der ärztlichen  Kompetenz durch IT-Unternehmen von Google bis Apple.

Wir haben heute schon etwa 1,2 Millionen Health-Apps, die meisten gratis herunterladbar. In Großbritannien – wahrlich kein Vorbild für ein sozial-gerechtes und funktionierendes Gesundheitssystem – gibt es Telemedizin schon seit langem. Mit dem Ergebnis, dass wieder diejenigen, die über keine Technologien verfügen, davon überhaupt nichts haben. Und noch stärker ausgegrenzt werden.

Es gibt auch die Zwei- und Drei-Klassen-Medizin der Kommunikationsgesellschaft. Wer nicht im Web ist, ist draußen und zwar radikal.

Mittlerweile stehen die diversen Portale schon Gewehr bei Fuß: Netdoktor, auch hierzulande weitverbreitet, bietet in Deutschland seit wenigen Tagen, mit  Sapia einen Chatbot an. Das ist mehr oder weniger automatisiertes Antworten und Anfragen, mit welchen der User – wörtlich – „durch den Symptomen-Dschungel“ navigiert werden sollte.

Mit Verlaub, das hat mit Telemedizin nichts zu tun. Das ist ein gefährlicher Trend, dem es – gerade jetzt – gilt, Einhalt zu bieten.

Deshalb: Nein, zur ausschließlichen Telemedizin. Ja, zur telemedizinischen Unterstützung. Aber dann direkt durch den Arzt.

Und zudem droht ein Daten-Crash, denn die neuen Anbieter – woher sie auch immer kommen -werden die Daten zwangsläufig verknüpfen müssen, weil sie sonst keine Ferndiagnose erstellen könnten.

Immer noch das bewährteste bleibt der Allgemeinmediziner, der von seiner Praxis aus auch Telemedizin betreiben kann. Dazu braucht es Schulungen, Ausbildungs- und Qualitätstools und vor allem: mehr Ärzte.

Denn eines geht nicht: Telemedizin als Ersatz für den Ärztemangel zu legitimieren. Damit kommt nach nicht aus dem Problem.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

(erfasst am 13.05.2018)

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen