Herkules gesucht

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Krankenhaus Nord-Desaster, Krankenhauskonzept neu, Nahversorgung neu.

Der Rechnungshofbericht zum Krankenhaus Nord ist kritischer und radikaler ausgefallen als befürchtet. Er legt Planungsdesaster, Hilflosigkeit und Ansammlungen von Inkompetenz offen. Die Kosten werden wohl mehr als 1,5 Milliarden € betragen. Jetzt wird ein Macher, Sanierer und Personalmanager mit Augenmaß und Empathie gesucht. Vor allem aber ein Teamplayer, der mit offenem Visier verhandelt und alle Player miteinbezieht, zum Beispiel die Ärzteschaft.

Jammern ist ebenso kontraproduktiv, wie nachträglich kritisieren. Die Fehler liegen offen da, die Missstände sind bekannt. Man sollte das Kind nicht mit dem Bad ausschütten.

Generell ist die Gesundheitsversorgung in Wien auf höherem Niveau als in den meisten europäischen Metropolen. Ob sie effizient ist und menschlich, muss hinterfragt werden.

Wichtig wird sein, verlässliche Dienste zu etablieren: allen voran die wohnortnahe Erstversorgung durch den Hausarzt oder Vertrauensarzt. Die freie Arztwahl gehört zu den großen Verdiensten des österreichischen Gesundheitssystems. Das sollte nicht angetastet werden.

Und ebenso wichtig ist ein totales Umdenken in der Krankenhausorganisation: Mehr Autonomie für die einzelnen Spitäler, dafür zentrale Qualitätsnormen, zentraler Einkauf und eine offene Administration. Entbürokratisierung schafft zusätzliche medizinische Kapazitäten .

Ebenso konsequent muss dafür gesorgt werden, dass genügend qualifizierter und motivierter ärztlicher Nachwuchs herangebildet wird: Das bedeutet noch mehr Praxisnähe in die Ausbildung (keine Wartezeiten für das Praxisjahr), flexiblere Arbeitszeiten (die Ärzteschaft wird signifikant weiblich sein), spürbare Entlastung in der Administration und ein Arbeits- und Gehaltsklima, das junge Ärzte davon abhält, ins Ausland zu gehen.

Generell aber müssen auch die Soft-Faktoren geändert werden. Mehr externe und interne Wertschätzung für diejenigen, die die Säule der Gesundheitsversorgung sind: Ärzte, Pflegefachkräfte, soziale Dienstleistungsberufe.

Mittelfristige Budgetierungsplanung ist erforderlich: Weg vom Torkelmanagement und Weg von den Anlassmaßnahmen. Es bringt wenig, wenn man sündteure – und auch notwendige – Maschinen anschafft, für welche man kein ausgereiftes Nutzungs-, Betriebs- und Leistungsbeschreibungskonzept hat.

„Back to the Roots“ ist angesagt. Gesundheitspolitik mit Herz, Hand und Hirn. Personalpolitik, die auf Vertrauen und nicht auf Misstrauen und Verdacht beruht. Und ein Zurücknehmen der zweckrationalen Gesundheitsökonomie.

Nochmals: Gesundheitsversorgung ist kein Ausgabenfaktor, sondern Investition. Investition in eine gesunde Gesellschaft und in gesundes Leben. Dann sinken künftig die Behandlungskosten ohnehin.

Wir brauchen einen klugen, empathischen und zupackenden Herkules.

Es besteht Hoffnung, dass dieser Wunsch aufgeht.

Aber: Wachsamkeit ist notwendig.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

 

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