Vom Hornberger Schießen, der Rückkehr der Vernunft bis zum Machterhalt

2,721 total views, 5 views today

Gesundheitsreform bleibt ausständig

Nun also scheint doch Vernunft und Erkenntnis eingekehrt zu sein: Von der Zerschlagung der AUVA ist nicht mehr die Rede, und auch in die Selbstverwaltung der Sozialversicherungen wird nicht eingegriffen. Und sie werden weiterhin die Gebühren einheben und verwalten. Was kommen wird, ist die Straffung auf fünf Kassen mit jeweiligen Landesgeschäftsstellen – und eine eventuelle Standortverlagerung. Das wohl wichtigste: Der Einfluss der Arbeitnehmer -damit der Ak und Gewerkschaften -wird beschnitten. Zugunsten der WKO. Ob man das Reform nennen kann, wird die Praxis zeigen.

Die Regierung hat – nach erfolgreichen Protesten seitens der Ärzteschaft und anderer Betroffener und offensichtlich nach genauerer Studie der Materie – eingelenkt: Alles nur halb so wild, mag es dem Außenstehenden scheinen.

Es wird also eine große Österreichische Krankenkasse geben für Arbeitnehmer, eine für Bundesbedienstete und eine für Selbständige und Bauern. Dazu kommen Unfall- und Pensionsversicherung. Die Auva dann, wenn sie keine versicherugsfremden Leistungen mehr behalt- das dürften die vielbesprochenen 500 Millionen sein.

Ob es dann noch einen Hauptverband braucht, wird man sehen. Fakt ist in jedem Fall, dass die Selbstverwaltung – noch – nicht angetastet wird und keine Regierungsmissionare in die Verwaltungsorgane entsandt werden. Dafür erhalten die Arbeitgeber mehr Einfluss. Parität nennt man das. Wer gleichviel einzahlt soll auch gleichviel Macht haben. Gut so. Oder auch nicht.

Reform des Gesundheitssystems ist das keine.

Worum es aber eigentlich geht, ist etwas anderes: Wie kann man langfristig die Finanzierung der Gesundheitsausgaben sicheren, die flächendeckende Versorgung verbessern, die schon enorme Lücken aufweist, und das Pflegeproblem lösen?

Wie kann man genügend qualifiziert ausgebildeten Ärztenachwuchs sicheren und den Allgemeinmediziner so aufwerten, dass sich wieder mehr Studenten und Absolventen der Unis dafür interessieren – und auch aufs Land gehen?

Wie kann man einheitliche Qualitätsnormen für alle Krankenhäuser, nicht nur niederschreiben, sondern auch prüfen und umsetzen? Und wie wird man die Vernetzung zwischen muralem und niedergelassenen Bereich verbessern? Gleichgültig, ob man nun von PHC spricht oder von Gemeinschafts- und Gruppepraxen oder vernetzten Ordinationen.

Hier sind – unter anderem – die Knackpunkte. Und diese Probleme können nur gesamtheitlich erkannt und lokal umgesetzt werden. In einer Großstadt wie Wien brauchen wir anderen Lösungen, als etwa im Waldviertel, in der Mur-Mürz Furche oder in Tiroler Alpentälern.

Das Grundprinzip muss heißen: wohnortnahe Erstversorgung, bestmögliche stationäre Behandlung mit professioneller Behandlung. Ob man dazu beispielsweise vorhandene Krankenhäuser in Pflegeheime umwandelt oder neue Gesundheitseinrichtungen errichtet, bleibt gleich.

Dass die Verteilung der Krankenhäuser in Österreich nicht optimal ist, und deren Angebote teilweise schlecht koordiniert sind, ist seit Jahren bekannt. Ebenso bekannt ist, dass man zumindest Akutbetten in Pflegebetten umwandeln müsste – im Übrigen liegt, wenn dann dort ein Einsparungspotential.

Mittelfristige Priorität Nummer Eins aber ist ein integratives Gesundheitssystem: Prävention, die derzeit sträflich vernachlässigt wird, Erstbehandlung, Medikation und Kuration sowie Rehabilitation und Pflege. Erster und letzter Punkt sind sofort neu anzudenken: Fixes Budget für Prävention vor allem schon bei Jugendlichen und nachhaltige Lösung des Pflegeproblems angesichts der Überalterung der Bevölkerung.

Das alles heißt: Zunächst einmal mehr Geld in die Hand nehmen, gezielt investieren. Es rechnet sich mittelfristig.

Rückzieher schön und gut. Aber jetzt müssen die Ärmel aufgekrempelt werden. Wir Ärzte tun dies schon. Wir wollen aber auch aktiv mitentscheiden. Und ein Reform es Gesundheitssystems und nicht nur der Krankenkassenroganisation.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

 

 

 

 

 

 

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Ein Gedanke zu „Vom Hornberger Schießen, der Rückkehr der Vernunft bis zum Machterhalt“

  1. Leider hat die Bundesregierung die einzig sinnvolle Reform verpasst: nämlich die Umwandlung der Pflichtversicherung in eine Versicherungspflicht. Der Hinweis auf die angeblich so niedrigen Verwaltungskosten der KK ist nicht zielführend, weil in die Verwaltungsausgaben alles Mögliche herausgerechnet wird (meines Wissens nach sämtliche sog. chefärztlichen Dienste samt Angestellten).
    Die ÖÄK wird offensichtlich überhaupt nicht ,mehr gefragt oder gar als Verhandlungspartner herangezogen – das kommt vom ewigen Neinsagen zu allen möglichen Plänen und Vorhaben der Regierung. Bin gespannt, was aus den Honorartarifen wird, wenn BauernKK und Gewerbeversicherung zusammengelegt werden – die einen mit GKK-Tarifen, die anderen mit einigermassen zufriedenstellenden Tarifen. Viel Glück beim Verhandeln!

Kommentar verfassen