Herausforderung Pflege Hausverstand gegen Pflegenotstand

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Ein teures Akutbett weniger, dafür ein Pflegebett und zusätzlich eine mobile Serviceeinheit. Was nach Milchmädchenrechnung gilt, sollte ernsthaft überlegt werden. Denn klar ist: Wir haben zu viele teure Akutbetten, zu wenig Pflegebetten und benötigen immer mehr Ressourcen für mobile Services.

Österreichs Gesundheitssystem ist sehr gut, wenn es um Interventionen, Operationen und interne Medizin geht. Es ist suboptimal, was Vorsorge, Pflege und Rehabilitation betrifft. Kaum ein Land hat derart viele Entlassungen und Wiedereinweisungen wie Österreich. Dafür hinken wir bei den Pflegebetten und der Betreuung hinten nach.

Österreich hat – wie die meisten alternden Gesellschaften – ein Problem bei der Pflege unserer Alten, das sich verschärfen wird. Steigende Lebenserwartung gekoppelt mit wachsender Erosion der Familienstrukturen. Zwei von drei Wohnungen in Wien sind Singlewohnungen, die Zahl der Patchworkfamilien nimmt zu. Und damit sinkt auch der familiäre Zusammenhalt.

Dass in Österreich Altenpflege überhaupt noch funktioniert liegt daran, dass ein Großteil die Angehörigen schultern. Wie lange noch? Kinder von heute 85 oder 90-Jährigen sind selbst schon sechzig und teilweise nicht mehr in der Lage, für Dritte zu sorgen.

Wohnungen in der Stadt sind Großteils ungeeignet für ältere Pflegefälle: Zugangshürden, fehlende elektronische Kommunikation und Teleüberwachung, etc.

Wir haben deutlich zu wenig Rehabilitationsbetten und Services. So werden die Patienten als scheinbar gesund entlassen, finden keine adäquate postoperative Behandlung und werden wieder eingewiesen.

Ein Akutbett kostet nicht nur mehr als ein Pflegebett, es blockiert auch den Krankenhausbetrieb und führt indirekt wieder zu Belagsproblemen, überlasteten Ambulanzen.

Ein System, das falsch aufgestellt ist, bringt sich selbst um.

Hier muss man Einschnitte tätigen.

Und endlich Gesundheitsvorsorge gesamthaft und integrativ sehen: Prävention, Kuration, Rehabilitation, Medikation und Pflege und dafür muss es ein großes, dezidiertes Gesundheitsbudget geben.

Wahrscheinlich werden wir auch nicht ohne eine Pflegeversicherung parallel zur Krankenversicherung auskommen. Es gilt hier, Modelle zu finden, die eine gerechte Umverteilung möglich machen.

Und wir sollten uns nicht nur über PHCs Gedanken machen, sondern auch über Best Point of Care und über die Bereitstellung von Ressourcen: Mehr Ärzte, mehr Pflegekräfte.

Das kann nur gemeinschaftlich gelöst werden. Ich lade ein: ein großer, runder Tisch mit Gesundheitsexperten, Pflegefachleute, Soziologen und Demographen sowie Sozial- und Gesundheitspolitiker.

  1. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
    Präsident der Ärztekammer für Wien
    Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

(erfasst am 05.06.2018)

 

 

 

 

 

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