Pflegefall Österreich – was nun?

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Alters- und Altenpflege ist eine Herausforderung, die nahezu alle EU-Staaten gleich stark betrifft – und alle überfordert. Mittlerweile leben wir in einer Fünf-Generationen-Gesellschaft und mit der Tatsache, dass der frühere 3 Generationenvertrag, auf dem die Sozialversicherung basierte, nicht mehr stimmt und passt. Ebenso haben sich die Familienstrukturen drastisch geändert: Patchwork und Singles. Wer soll also die Pflege bezahlen? Die Kosten werden in den nächsten zehn Jahren explodieren.

Handeln muss man jetzt. Und gleichzeitig vorausschauend eine verpflichtende Pflegeversicherung etablieren – anders wird es wohl nicht gehen. Zudem müssten Kompetenzen gebündelt werden. Pflege ist Bestandteil einer umfassenden integrativen Gesundheitsversorgung.

Österreich scheitert schon daran, wer nun eigentlich die im Vergleich zu den Gesamtausgaben geringen Kosten für den abgeschafften Pflegeregress übernehmen soll. Und es mehren sich wieder Stimmen, die den Pflegeregress wiedereinführen wollen. Das bringt uns alle nicht weiter.

Was sofort in Angriff genommen werden muss: Umwandlung von Akutbetten in Pflegebetten ,Umwandlung von regionalen Kleinspitälern in Pflege- und Rehab-Zentren.

Massive Investitionen in die mobile Pflege, gekoppelt mit Förderung in den altersgerechten Umbau von Wohnungen und Häusern. Es nützte die beste Pflegekraft nichts, wenn der Patient sich nicht aus dem Haus bewegen kann, weil es keinen Lift oder sonstige adäquate Hilfsmittel gibt.

Nutzen der digitalen Überwachungstechnologien – durchaus im produktiven, präventiven Sinn. Das Web 4.0 hat genügend erprobte Tools. Für älteren alleinstehende Menschen kann das die Rettung sein.

Und: Personalmangel beheben. Das wird das Schwierigste sein. Es wird nicht ohne bessere Bezahlung gehen und strengere Selektionskriterien bei Pflegehilfen aus dem Ausland.

Wir müssen davon ausgehen, dass in zehn Jahren die Angehörigen, die heute den Großteil der Altenpflege – kostenlos – übernehmen, nicht mehr da sind, die jungen Angehörigen weit verstreut leben und keine Kapazitäten haben, in den kleineren Dörfern und Märkten die Nachbarschaftshilfe nicht mehr möglich ist, weil die Nachbarn selbst betagt sind und der Pflege bedürfen.

Zudem werden massiv neue Alterskrankheiten manifest werden: Demenz wird die größte Herausforderung sein. Wir haben viel zu wenig Erfahrung, wie man – im Alltag – mit hunderttausenden Demenzkranken umgehen soll. Und vor allem: wie man sie adäquat behandelt.

Wir sollten nicht die Augen vor diesen Szenarien verschließen und vor allem nicht wieder Gräben zwischen Jungen und Alten vertiefen. Sonst werden die Jungen irgendwann einmal boykottieren und sich politisch dermaßen radikalisieren, dass wir keine aufrechte Demokratie wollen.

Es wird uns nichts anderes übrigbleiben – der Staat ist reich genug –, als massiv in Alterspflege zu investieren. Sonst erdrückt uns das Problem irgendwann einmal. Und wir selbst werden auch älter.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

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