Online-Spiele-Sucht: Symptom oder neues Leiden an der Gesellschaft?

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Wir haben eine neue Krankheit. Die WHO hat Online-Spielsucht in die Liste der offiziellen Krankheiten aufgenommen. Die Symptome sind anders, als bei der klassischen Spielsucht.

Alles neue Begriffe für alte Leiden: Burn-Out und Bore-Out, Online-Spielsucht und ADHS. Müssen wir in Zukunft mit neuen Massenkrankheiten rechnen? Und wie reagieren Medizin, Prävention und begleitende Kuration dazu? Haben wir die richtigen Ausbildungsstrukturen? Und vor allem: die adäquaten therapeutischen Einrichtungen? Ich fürchte: Nein.

Es gibt immer mehr Patienten mit chronischen Schmerzen, die scheinbar keine Ursachen haben. Und die Schmerzmedizin ist immer noch kaum ausgeprägt. Ähnlich wie bei klassischer Alkohol-und Spielsucht, gibt es in Österreich zu wenige therapeutische Einrichtungen, zu wenige Früherkennungsmechanismen.

Sind die neuen Krankheiten Symptom einer rasend schnellen Digitalisierungsgesellschaft und des wachsenden Auseinanderklaffens zwischen denjenigen, die – zu viel an – Arbeit haben und denjenigen, die keine Perspektive auf Arbeit haben, bildungsfern und sprachbenachteiligt sind?

Was bedeutet das für die Gesamtgesundheit einer Gesellschaft? Und welche volkswirtschaftlichen Folgen resultieren daraus, wenn immer mehr Menschen über lange Zeit ausfallen?

Wie definiert man künftig Krankenstände und welche Übergangsphasen wird es geben? Es gibt jetzt schon Versuche, dass chronisch kranke oder in Rehabilitation befindliche Menschen, wenigstens für ein paar Stunden am Tag arbeiten, damit sie den „Anschluss“ nicht verlieren. Müssen wir unser gesamtes Gesundheitsversorgungsdenken hinterfragen? Das mögen auf den ersten Blick inaktuelle, in weiter Ferne liegende Bedenken sein? Ist aber nicht so.

Wir können davon ausgehen, dass die heutigen Jugendlichen, die in zehn Jahren im erwerbsfähigen Alter sind, zu einem erklecklichen Anteil gehandicapt in den Beruf einsteigen: adipös, hör- und sehgeschädigt, an Diabetes leidend.

Und wir müssen davon ausgehen, dass Langzeitarbeitslose – und ihre Anzahl steigt – überdurchschnittlich, signifikant krankheitsanfällig sind. Das haben aktuelle Statistiken der Armutskonferenz gezeigt.

Wir stehen vor der Tatsache, dass wir in 20 Jahren nahezu 300.000 an Demenz leidende Mitbewohner haben werden: Laut jüngstem OECD-Bericht zählt Österreich zu den Nachzüglern in Sachen Demenzvorsorge und-Behandlung.. Es gibt nicht einmal einen langfristigen Demenzgesundheitsplan.

Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir für viele der „neuen Krankheiten“ keine adäquaten Einrichtungen haben. Wir haben jetzt schon strukturelle Mängelfächer in der Jugendpsychiatrie, in der Dermatologie – auch der Klimawandel zieht neue Krankheiten nach sich, ähnlich wie die Globalisierung des Handels und Warenverkehrs – und wir werden bald weitere haben.

Darüber sollte sich Gesundheitspolitik den Kopf zerbrechen, statt darüber, bewährte Einrichtungen zu zerschlagen und aus Kooperationspartnern feindliche Lager zu konstruieren.

Was wir brauchen sind aktuelle Sofortmaßnahmen – Ärztemangel und medizinischen Fachpersonalmangel beheben, Nahversorgung und Erstversorgung stärken, in Pflege und Reha investieren – und mittelfristige Gesundheitskonzepte für eine sich rasant ändernde Gesellschaft mit neuen Leidenssymptomen. Und Konzepte für die Alternsgesellschaft: Wie versorgen wir die 80- und 90-Jährigen, die keine Ausnahme, sondern die Regel darstellen werden?

Vernünftig agieren heißt: Sich jetzt zusammensetzen und kurze Lösungswege für die akuten Probleme finden, in gemeinsamer Kraftanstrengung, und dann mittel- und langfristige Planung.

Sonst stehen wir in zehn Jahren vor noch größeren Problemen – und einer Situation, in der Gesundheitsversorgung aus öffentlichen Mitteln nicht mehr zu finanzieren ist.

Wir brauchen: gemeinsames Ärmelaufkrempeln jetzt und ruhige Planung für morgen. Gleichzeitig.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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