Gesundheit allenthalben und gesunden Menschenverstand vor allem anderen

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Der Sommer ist da. Der Klimawandel spielt verrückt. Zu erwarten ist, dass mehr ältere Menschen denn je an Kreislaufproblemen leiden. Die Zahl der Freizeitunfälle steigt in diesen Monaten. Auch dafür muss ein soziales Gesundheitssystem vorsorgen. Und auch dafür benötigt es Ressourcen – Humanressourcen und technische Ressourcen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wir brauchen mehr Ärzte, mehr Pflegekräfte, mehr Mitarbeiter in medizinischen Berufen. Und andere Ausbildungsstrukturen.

Eine Zahl aus Bayern alarmiert: 1.200 Ordinationen wurden in den vergangenen Jahren geschlossen, lediglich für knapp über 200 konnte man Nachfolger finden. Die meisten Ordinationen schlossen in ländlichen Gegenden.

Man hat nun die Gründe untersucht: Zuviel Zeitaufwand für zu wenig Einkommen. Mangelnde kulturelle Infrastruktur (was immer das heißen mag, in Zeiten rascher Verkehrsverbindungen), Mangel an Mitarbeitern, zum Beispiel Arzthelferinnen, Krankenschwestern, und keine Möglichkeiten der flexiblen Zeiteinteilung. An dritter Stelle aber: zu hohes Risiko. Frauen wollen lieber Halbtags- oder zumindest zeitweise Halbtagsbeschäftigung, insgesamt ist es den Medizinern lieber, abgesichert in einem Krankenhaus zu arbeiten, statt zu investieren und monatlich zu bangen, ob das Einkommen reicht.

In den Krankenhäusern ist es nicht besser: überfüllte Ambulanzen blockieren andere Tätigkeiten, die Administration kostet wertvolle Zeit, die man den Patienten widmen könnte, die Zahl der Patientinnen steigt rascher, als die äquivalente Zahl an betreuenden Ärztinnen. Und auch da wieder das Gender- und Flexibilitätsproblem: Es gibt mehr Ärztinnen als Ärzte, zumindest bei den jungen, und die wollen flexible Dienstzeiten, Zeit für Kindererziehung, Familie und persönliche Entfaltung, Weiterbildung, Ausweitung des klassischen medizinischen Wissens.

Die Schere – kraft der Pensionierungswelle durch die Baby-Boomer-Generation – geht immer weiter auf. Wer nun meint, noch mehr zu sparen, zu rationalisieren, Leistungen zu privatisieren, irrt. Volkswirtschaftlich gesehen ist das ein fataler Schuss ins eigene Knie.

Kaum ein Markt expandiert so nachhaltig, wie der Gesundheitsmarkt. Und kaum ein Segment ist so sehr auf Humanressourcen angewiesen, wie der Gesundheitsbereich: Menschen lassen sich nicht durch Maschinen ersetzen, Abläufe lassen sich kaum automatisieren, da jede Krankheit einen anderen individuellen Verlauf hat, ebenso wie Heilung und Therapie.

Notfallstationen lassen sich nicht vorausberechnen. Es bedarf also stets der Redundanzen. EineSchraubenfabrik kann anders planen, ein Modehändler auch.

Das sollte Politik eigentlich wissen. Auch Politiker wollen gesund leben. Und noch selten hat es derart viele krankheitsbedingte Ausfälle bei Politikern gegeben, wie in den vergangenen Monaten in Österreich: Das sollte jenen, die Gesundheitspolitik betreiben, zu denken geben.

Man kann auch aus eigenen Erfahrungen lernen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

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