Macht Arbeit gesund oder krank? Mehr Arbeit – mehr Arbeitsmedizin

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In der emotionalen und teilweise unsachlich geführten Debatte über den sogenannten 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche wird ein Thema verdrängt, das in Zukunft – unabhängig von der Wochenarbeitszeit – immer wichtiger wird.Betriebliches Gesundheitswesen, Gesundheitsvorsorge im Beruf, Ergonomie am Arbeitsplatz, zivilisatorische, chronische Erkrankungen, die mit der Arbeit zusammenhängen, wie Brun Out, Depressionen,Bore Out etc. Gerade das aber ist ein wesentlicher Aspekt in Zeiten, da Arbeit immer entfremdeter wird.

Es gilt: Je weniger befriedigend Arbeit ist, je weniger Wertschätzung durch Arbeit erfolgt, umso eher sind Menschen krank. Je bildungsferner und sozial weniger privilegiert, umso eher werden Menschen krank, umso schlechter ernähren sie sich und umso geringer ist die – gesunde – Lebenserwartung.

Es ist Tatsache, dass Arbeits- und Erwerbslose häufiger unter depressiven Störungen leiden, als Erwerbstätige. Sowohl zu viel als auch gar keine Arbeit machen krank.

Wenn also schon mehr gearbeitet wird, sollten arbeitsmedizinische Aspekte stärker in den Vordergrund gerückt werden. Diese Verantwortung tragen Unternehmen gleichermaßen wie der Gesetzgeber: zum Beispiel verpflichtende Gesundenuntersuchungen, kontinuierliche Evaluierung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsumstände.

Es gibt große Unternehmen wie Siemens oder Bosch, die Prämien dafür zahlen, dass Arbeiter Vorschläge zur Verbesserung der eigenen Arbeitssituation einbringen. Das beginnt bei simplen Umstellungen von Bewegungsabläufen, geht über Flexibilisierung der Arbeitsmöbel bis hin zu besseren, natürlicheren Be- und Entlüftung der Räume  und Mobilitätsübungen während der Arbeitszeit.

Einfach 12 Stunden durcharbeiten, das hält der Mensch für kurze Zeit aus, mehr als sechs Stunden Konzentrationsarbeit schafft ein durchschnittliches Gehirn nicht, permanenter Schlafmangel führt zu den gleichen Symptomen, wie verstärkter Alkoholgenuss.

Österreich war einst Pionier in der Arbeitsmedizin und positiven Gesundheitsvorsorge – von Tandler bis in den Siebziger und Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts .Mittlerweile hat dieses Fach an Bedeutung verloren. Auch in der wissenschaftlich-klinischen Ausbildung. Im AKH wurden etwa vor Jahren die arbeitsmedizinische Bettenabteilung geschlossen – Ersatzlos.

Flexibilität ist gut und schön und in Zeiten der digitalen Disruption auch notwendig, prekäre Arbeitsverhältnisse sind im Steigen, aber bei aller Flexibilität sind auch – und deutlich stärker denn je – gesundheitliche Aspekte zu berücksichtigen. Was hat die Gesellschaft von hart arbeitenden Menschen, die irgendwann einmal zusammenbrechen oder arbeitsunfähig werden?

Wie immer: Es geht darum, die scheinbaren Nebenaspekte zu berücksichtigen und Gesundheit ist mehr als nur ein Nebenaspekt. Arbeit und Gesundheit dürfen niemals Widerspruch werden.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

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