Föderalismus, Zentralismus oder Fürstentümer und Erbpachthöfe? Wir brauchen eine Debatte über Aufgabenteilung.

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Kooperationen und Subsidiarität statt Machtproben und -spielen. Das sollte die Basis eines guten Gesundheitssystems sein. Derzeit erleben wir eher politische Macht- und Rachespiele, Inszenierungen von Macht und Ohnmacht und einen gewissen Dilettantismus – oder zumindest wenig Sorgfalt – im Durchdenken von Reformen. Das tut niemandem gut: vor allem nicht den Betroffenen, den Mitarbeitern im Gesundheitssystem und den Menschen, die ärztliche oder pflegerische Hilfe brauchen.

Niemand wird bestreiten, dass es sinnvoll und notwendig ist, überall gleiche Leistungsanforderungen zu stellen und Qualitätslevels festzusetzen. Es wird auch niemand Vernünftiger etwas gegen die Überprüfung der Spitalsstandorte haben oder gegen Überlegungen kleinere Krankenhäuser umzuwidmen, wenn im Gegenzug die ambulante Behandlung und Erstversorgung flächendeckend organsiert ist.

Aber niemand Vernünftiger wird einsehen, warum – gerade bei niedergelassenen Ärzten oder Best Points of Service – zentral entschieden werden soll, was zu besetzen ist und welche Honorierungen – über das Mindestmaß hinaus – festzulegen sind. Das wissen die handelnden Personen vor Ort, die mit den Menschen leben und deren spezifische Bedürfnisse kennen, wesentlich besser.

Niemand kann ernsthaft dagegen sein, dass es – speziell für infrastrukturschwache, überalterte ländliche Regionen – besondere Anreize geben muss, dass Ärzte sich dort niederlassen.

Kein vernünftiger Mensch wird etwas gegen Gruppenpraxen – allerdings ausschließlich in Gestion und Besitz von Ärzten – oder Aufteilung eines Kassenvertrages auf zwei Personen haben, wenn damit die medizinische Versorgung verbessert wird und auch die Arbeitsbedingungen für Ärzte lebenswerter sind.

Niemand wird etwas dagegen haben, Ambulanzen zu entlasten und dafür die Leistungen im niedergelassenen Bereich anzubieten. Aber jeder wird einsehen, dass dies abgegolten werden muss: mehr Personal, Überstunden und Sonderzahlungen, erhöhter administrativer Aufwand. Und jeder wird wohl zustimmen, dass man auch Geld in die Hand nehmen muss, um das intensiv zu kommunizieren. Wenn Menschen die erkranken wissen, welche praktischen Ärzte in ihrer Nähe offen haben, werden sie auch dort hingehen und nicht in die nächstliegende Spitalsambulanz.

Aber jeder wird einsehen, dass es notwendig ist, zu evaluieren, welche Leistungen wo medizinisch und wirtschaftlich am besten erbracht werden.

Jeder wird einsehen, dass gerade Mediziner, die die Unis absolviert haben, eine gute praktische Ausbildung erhalten. Aber es geht nicht an, dass dann aus Personalknappheit niemand da ist, diese jungen Mediziner auch zu schulen, zu führen und zu motivieren. Es bringt niemanden etwas, wenn junge Ärzte mit administrativem Kram belastet werden. Das demotiviert und führt zu unnötigem Stress.

Gesundheitspolitik ist weder Machtausübung von regionalen Fürsten, noch zentralistisches Drüberfahren. So etwas endet im Desaster. Gesundheitsausgaben haben sich auch nicht danach zu richten, ob beispielsweise Krankenhäuser Sekundärarbeitgeber in bestimmten Regionen sind. Die Berechtigung eines Krankenhauses leitet sich nicht davon ab, wie viele Bäcker, Fleischer, Putzfirmen oder sonstige sekundäre Dienstleister Aufträge erhalten.

Aufgabe von Gesundheitspolitik ist es für eine flächendeckende, hochqualitative Gesundheitsversorgung zu garantieren. Für Infrastruktur, Wirtschaftsbelebung und lokale Arbeitsbeschaffung sind andere Ministerien, Interessensvereinigungen und Gemeindevertreter zuständig, nicht aber das Gesundheitssystem.

Also: Kooperationen statt Hahnenkämpfen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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