Vorsorgealarm! Wo bleibt die gesunde Jugend?

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Jeder zweite kann nicht oder nur schlecht schwimmen, die Hälfte der Wiener Schüler kann weder auf einem Bein stehen, noch sich koordiniert rückwärts bewegen, über 10% der Schüler sind adipös, bis zu 20% der Schüler vom Turnunterricht teilbefreit, die tägliche Turnstunde gibt es noch immer nicht flächendeckend. Die Gesundheit österreichischer Jugendlicher und Kinder gibt zu denken. Verkehrs- und Freizeitunfälle von Jugendlichen steigen laut Statistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit und „Sicher Leben“ deutlich an. Vorsorge tut dringend Not.

Seit Jahren fordern wir Ärzte ein Pflichtfach Gesundheitserziehung und Ernährungskunde und die tägliche Schulturnstunde. Seit Jahren fordern wir verpflichtende – und zwar umfassende – Gesundenuntersuchung für alle Schulpflichtigen, mehr Schulärzte, die auch ordentlich bezahlt werden und laufende Überprüfung der hygienischen Zustände an Schulen.

Heute zeigt sich vielerorts ein ernüchterndes Bild: Sportplätze, die nicht benutzbar sind, zu wenige Fachkräfte für den Nachmittagsunterricht, zu wenige Erzieher mit sozialpsychologischer Ausbildung und vorsintflutliche Kommunikationsinfrastruktur. Von dem Vorhaben, alle Schulen sollten breitbandiges Internet haben, sind wir weit entfernt.

Dasselbe gilt für die Ernährung: Es mangelt an Schulküchen und Personal, an den Wiener Nachmittagsschulen kommt ein Drittel der Kinder mit leerem Magen und ohne ordentliches Frühstück zum Unterricht, das Projekt „gesunde Jause“ wurde zwar vorbildlich kommuniziert, in der Praxis aber kaum exekutiert.

Und jetzt: Ein Rauchverbotsgesetz für Jugendliche, das in der Praxis kaum durchführbar ist, weiterhin Raucherlaubnis in der Gastronomie und Hotellerie, keine effektiven Alkoholkontrollen bei Jugendlichen.

Es wundert nicht, dass Österreich in der OECD-Gesundheitsstatistik bei Jugendlichen die letzten, vorletzten oder drittletzten Plätze einnimmt. Nach wie vor wird zu viel geraucht, getrunken, zu wenig Obst und Gemüse verzehrt. Hörschäden bei Jugendlichen nehmen zu, ebenso Schädigungen des Sehvermögens, fettleibige Kinder leiden an Diabetes wie sonst nur ältere Menschen. Die Liste ließe sich endlos weiterführen.

Wir müssen dringlich in Vorsorge und Prävention investieren. Mit einem dedizierten Budget, mit einem Gesundheitsprogramm für Jugendliche und einer Ausbildungsoffensive für Kinderärzte. Nach wie vor gibt es einen dramatischen Mangel an Kinderärzten. Vorschläge, dass Allgemeinmediziner die kinderfachärztliche Versorgung übernehmen sollen, lehnen wir aus medizinischen Gründen ab. Abgesehen davon, dass es nicht realistisch ist. Der Mangel an Allgemeinmedizinern mit Kassenvertrag ist noch größer als bei den Kinderärzten, Kinderpsychiatern und Schulärzten.

Nochmals: Wir müssen uns als reicher Staat leisten, in Gesundheitsprävention zu investieren. Vor allem bei den Jungen. Sie sind es, die in Zukunft Träger der Wirtschaft und Zivilgesellschaft sind. Wie wäre es mit einer Gesundheitsmilliarde – oder mehr – statt einer Straßenbau- und Tunnelmilliarde?

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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