Zuviel Ausgaben für Wahlärzte? Eine Irreführung! Über das Versagen von Gesundheitspolitik

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Den Wahlärzten vorzuwerfen, dass die Ausgaben für Privatärzte in den vergangenen zehn Jahren um 48 Prozent gestiegen sind, ist lächerlich und perfid. Erstens sind die 206 Millionen für Wahlarztleistungen nur ein lächerlich geringer Anteil an den Gesamthonoraren, und zweitens, ist es ein Zeichen des Versagens der Gesundheitspolitik. Diejenigen, die die Zweiklassenmedizin verursacht haben, warnen nun vor ihr. Die, die das Feuer gelegt haben, holen die Feuerwehr und wollen selbst den Brand löschen. Das ist Verdrängung der Tatsachen. Fakt ist, dass es einen Kassenärztemangel gibt – seit Jahren schon. Und zu wenige Kassenstellen. Deshalb werden Wahlärzte in Anspruch genommen.

Schon der frühere Gesundheitssprecher der regierenden SPÖ hat vor mehr als einem Jahr gefordert, die Wahlarzthonorare sollten nicht mehr durch die Sozialversicherungen rückerstattet werden. Das ist nicht nur realitätsfern, sondern beleidigend. Wahlärzte sind keine Abzocker, die die Patienten ausnehmen. Sondern ein wesentlicher Teil der Gesundheitsversorgung.

Die Zweiklassenmedizin wurde von einer Politik – und zwar seit Jahrzehnten schon – gefördert, die sich weigerte, sich ernsthaft um eine Gesundheitsreform zu bemühen. Seit zehn Jahren spricht man von Sparen und Deckelungen. Und seit Jahren verspricht man die Aufwertung des praktischen Arztes.

Geschehen ist das Gegenteil: Sukzessives Aushungern des Kassenarztes, weniger Planstellen, abgrundniedrige Honorare, von denen man nur so recht und schlecht überleben kann.

Die Folge. Wartezeiten, überfüllte Ambulanzen und steigender Zustrom zu den Wahlärzten. Und ein Versorgungssystem, das immer mehr Lücken aufweist. Dennoch heißt es Sparen.

Dass das nicht geht, beweist die Praxis. Was heute geschieht, ist eine fatale Verschiebung der Kosten von der Allgemeinheit auf den Einzelnen. Eine Privatisierung auf Kosten der Volksgesundheit.

Wenn sich nichts ändert, werden die Kosten für die Wahlärzte in Zukunft noch stärker steigen – einfach, weil es kaum mehr Alternativen im Kassensystem gibt. Und der Ansturm auf die Ambulanzen wird noch stärker werden, die Überlastung der Krankenhausärzte und Pfleger wird sich massiv erhöhen. Und das bei sinkenden Personalständen in Vollzeitäquivalenten.

Was nutzt es den Patienten und der Allgemeinheit, wenn man stolz ein – fiktives – Nulldefizit präsentiert und die Sparbremse weiter verschärft: gar Nichts. Im Gegenteil: Er muss noch tiefer in die Tasche greifen.

Die privaten Unfallversicherer werden sich freuen: Über Zuwächse bei den Versicherten. Aber sie werden, kraft steigender Lebenserwartungen, ihre Prämien erhöhen. Bis sich ein Durchschnittspensionist oder -verdiener diese Prämien nicht mehr leisten kann, was jetzt schon der Fall ist. Dann werden Leistungen gestrichen oder gekürzt und die Spirale beginnt von Neuem.

So kann man nicht soziale Gesundheitspolitik betreiben. Vor allem kann man nicht mit Zahlen jonglieren, ohne auf die Realität zu verweisen.

Wir Ärzte, haben eine einzige Mission: Menschen gesund zu erhalten, Kranke zu heilen oder bestmöglich zu behandeln. Die Patienten haben ebenfalls ein Ziel: Gesund zu werden.

Das sollte auch das Ziel der Gesundheitspolitik sein. Und nicht möglichst vorzeigbare Zahlen, die nichts anderes ausdrücken, als das soziale Elend. Aber Nulldefizit und Kostenbremse klingen eben populistisch gut.

Finde ich nicht.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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