Alarm – mit Hoffnungspotential 1 Million Menschen für Gesundheitsberufe gesucht!

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Die Zahlen klingen schockierend und gleichzeitig hoffnungsfroh: Europaweit fehlen in den kommenden 8-10 Jahren 600.000 Pflegekräfte – in der Kranken- und Alterspflege. Dazu kommt ein Potential von etwa 300.000 qualifizierten Arbeitsplätzen in Medizin- und Wellness-Berufen. Und europaweit werden etwa 80.000 bis 100.000 zusätzliche Ärzte benötigt. Gleichzeitig werden zumindest 6 Millionen, wahrscheinlich aber mehr, wenig qualifizierte Jobs abgebaut – quer durch alle klassischen Produktionsbranchen. Ein Ungleichgewicht. Und ein Signal, welches Potential der Gesundheitsmarkt Europa hat.

Allein in Österreich beträgt der Fehlbetrag an Kassen- und Krankenhausärzten in den kommenden  Jahren etwa 6.000, dazu kommen ungefähr 35.000 Pflegekräfte, die im kommenden Jahrzehnt benötigt werden. Nicht mitgerechnet ist der Bedarf an Wellness-, Health- und Fitnesscoaches, Physiotherapeuten, Masseuren, vor allem in einem Tourismusland wie Österreich.

Das alles geht von einem gleichbleibend dynamischen Bevölkerungswachstum aus, das sich durchaus noch beschleunigen könnte. Die Lebenserwartung wird weiter steigen: Derzeit wächst sie um 3 Monate pro Jahr. Eine nahezu unglaubliche Zahl.

Es ist eine fatale Situation: Während in konventionellen Produktions- und Dienstleistungsbereichen Personal abgebaut und durch KI und Roboter ersetzt wird, wächst der Arbeitskräftebedarf in den Gesundheits- und Krankendienstleistungen. Das sind solide, hoch qualifizierte und vergleichsweise auch stabil bezahlte Arbeitsplätze.

Es ist Zeit, in der gesamten Bildungspolitik umzudenken. Wir brauchen nicht nur akademisch gebildete Arbeitskräfte, sondern auch Lehrlinge und gut ausgebildete Fachkräfte – allerdings bei einem viel durchlässigeren Bildungssystem. Gerade in Gesundheitsberufen darf keine Ausbildungsform  eine Sackgasse sein.

Aktuell wird etwa über eine Pflege Lehre nachgedacht, die bislang nicht genehmigt wurde, weil man 14jährigen den Umgang mit Kranken und Alten, gebrechlichen Menschen nicht zutrauen wolle. Dabei wurde verdrängt, dass es gerade Jugendliche sind, die im Familienverband für die Kranken- und Altenpflege herangezogen werden.

In der Schweiz praktiziert man diese Lehre seit Jahren mit Erfolg. Es herrscht regelrechter Ansturm auf die Ausbildungskräfte.

Es ist aber auch Zeit, in der Wirtschaftspolitik umzudenken und zu begreifen, dass der Arbeitsmarkt für Gesundheitsberufe enormes volkswirtschaftliches Potential in sich trägt. Und damit nicht nur die Kaufkraft der einzelnen stärkt, sondern auch den Angebotsmarkt stabil wächst.

Gar nicht inkludiert sind die positiven Aspekte verstärkter medizinischer Grundlagenforschung und klinischer Forschung – gerade da hat Österreich, insbesondere Wien, auf eine jahrhundertlange Tradition zu verweisen. Diese Tradition darf nicht verloren gehen. Auffällig: Seit einem halben Jahrhundert hat Österreich keinen – nativen – Nobelpreisträger in technischen und humanwissenschaftlichen Bereichen. Das gilt auch für andere renommierte Auszeichnungen wie Fieldsmedaille, etc.

Die Regierung, ja alle Parteien und Interessensvertretungen, sollten begreifen, wie notwendig jetzt Ausbildungsoffensiven und eine massive Kommunikationskampagne für Gesundheitsberufe wären. In allen Bildungssegmenten: von der Lehre bis zum tertiären und posttertiären Sektor.

Breite und Exzellenz sind gefragt: Wir brauchen mehr Exzellenzuniversitäten und -institute, um attraktiv für renommierte internationale Wissenschafter zu werden – dann werden sich auch internationale Konzerne ansiedeln. Und hier forschen lassen. Denn einige Vorteile besitzt Österreich, neben dem relativ guten Bildungsniveau, noch: gute topographische Lage, gutes soziales Klima, kaum Streiks, ein – noch – funktionierendes Sozialsystem und eine vergleichsweise intakte Umwelt.

Also: Kraftvoll investieren, nicht mit dem Rasenmäher indifferenziert sparen. Dann sichern wir qualifizierte Arbeitsplätze für die Zukunft. Der Gesundheitsbereich ist dabei eine der zentralen Branchen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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