Sucht, Zwang, Wahlfreiheit. Gesucht: der mündige Patient und das mündige System

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Der bekannteste Suchtexperte Österreichs, Michael Musalek, schlägt Alarm: Immer mehr Österreicher seien süchtig, die Medikamentensucht nimmt am stärksten zu. Er fordert vehement eine österreichweite Suchtstudie. Denn: Verlässliche Daten gäbe es nicht. In Italien soll, die vor zwei Jahren eingeführte, Impfpflicht für Kinder wieder abgeschafft werden. In Österreich währt diese Diskussion schon lange – und ist erst jetzt wieder aufgepoppt. Für die Medizin und Gesundheitsversorgung stellen diese Fragen ein Dilemma dar: Verbote, Gebote oder letztendlich der Glauben an den mündigen Patienten?

Impfgegner und Impfbefürworter bilden verhärtete Lager, die Mehrzahl der Ärzte spricht sich für eine Impfpflicht aus und verweist darauf, dass längst ausgerottet scheinende Krankheiten wieder registriert werden: zum Beispiel Kinderlähmung, Masern. In diesem Jahr ist die Zeckenplage signifikant. Bis jetzt: 3 Todesfälle. Der Klimawechsel und die Migration bringen neue Krankheiten und neue Erreger. Das Thema Medikamentenabusus wurde lange Zeit verdrängt: Statistiken verweisen auf die Tatsache, dass beispielsweise Ritalin, gewissermaßen als „Modekonzentrationsmittel“ zu oft unbedenklich für junge Menschen verordnet würde, auch auf Druck der Eltern. Wirksame Kontrollen gibt es kaum – das würde erst durch eine durchgängige E-Medikationskette vom Arzt bis z den Apotheken gewährleistet sein.

Mittlerweile wurde auch die Spielsucht offiziell als Krankheit anerkannt. Zahlen und Evidenzen gibt es nur in rumpfhaften Ausmaß.

Die Kernfrage dabei ist: Medizin sollte vom mündigen Patienten ausgehen, der in der Lage ist, sich und seine Situation richtig zu beschreiben und darzustellen. Medizin – sprich Ärzte – stehen vor dem Dilemma, dass die Haftungsbestimmungen immer rigider werden.

Nur: wer ist ein mündiger Patient? Wo muss der Staat eingreifen und generelle Verbote und Gebote verordnen. Mit fortschreitenden „Vernetzung“, dem Vormarsch von Dr. Google und Gesundheitsapps sowie Tipp-Seiten und Wikipedia, Halbwissen, etc. wird die Situation immer schwieriger.

Manche Patienten kommen mit – mehr oder weniger – fertigen Selbstbefunden zum Arzt und wollen so behandelt werden, wie Google es vorschlägt. Andere – und das ist die Mehrzahl, ist sprachlos, es fehlen die sprachlichen und konnotativen Mittel zur Selbstartikulation.

Wir sollen – jenseits aller gesundheitlichen und organisatorischen Fragen – auch diese Materie wieder stärker in den Fokus stellen. Mit dem Ziel: Mündigkeit des Patienten, Empathiefähigkeit des Arztes und mehr Kommunikation und Information seitens der öffentlichen Hand. Aufklärung ist das erste. Sonst geraten wir in einen unendlichen Fakes-und Interessensdschungel.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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