Darf man Vorsorge verordnen? Und bei Verweigerung strafen? Pönalisierung oder Appell an die Vernunft?

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In dynamischer Regelmäßigkeit bricht die Debatte über Impfpflicht und Pönalisierung der Impfverweigerung aus. So wie jetzt, als bekannt wurde, dass sich die Masern-Fälle vervielfacht haben. Oder vor wenigen Monaten, als Zeckenalarm ausgerufen wurde. Jedes Mal wird die Debatte mit einer Hitzigkeit und Verhärtung geführt, als gäbe es sonst kein anderes Thema.

Fest steht: Impfen ist der beste Schutz vor Krankheiten wie Masern, Mumps, Kinderlähmung, Tetanus, Pocken, etc. Fakt ist: Eine starke Lobby von Impfgegnern verfügt über glänzende Informations- und Social Media-Netzwerke. Bedenklich ist, dass im 21. Jahrhundert längst ausgerottet scheinende Krankheiten massiv wiederkehren. Ende der Aufklärung?

Es gibt seriöse Studien, die nachweisen, dass die Impfgegner wesentlich weniger sind, als deren mediale Präsenz es vermuten ließe. Diese Studien weisen perfekte neurolinguistische Kenntnisse der Impfgegner aus. Sie wissen, wie man Meinung macht. Mythen werden geboren und verbreitet: etwa, dass Impfen zu Autismus führe. Das ist natürlich Unsinn und wissenschaftlich nicht haltbar. Auch der Hausverstand spricht dagegen. In Zeiten, da der US-Präsident Politik via Twitter macht, in Zeiten von Fakes und Shitstorms  sowie Botnetzen, darf das niemanden verwundern, möchte man meinen.

Impfpflicht gibt es in einigen Staaten. Andere, wie Italien, haben sie zurückgenommen. In Österreich taucht wieder die Forderung auf, Impfverweigerung mit Entzug von Sozialleistungen zu bestrafen. Nach dem Motto: Freiheit hat ihren Preis. Ein anderes Modell sieht die Impfungen  als Voraussetzung für den Mutter-Kind-Pass vor.

Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich und zwiespältig.

Es geht nämlich nicht um Aufklärung statt Bestrafung, sondern um beides.

Dass man Kampagnen für das Impfen starten muss, dass man aufklären, informieren, Gerüchte und Fakes entlarven muss, ist klar. Und Bestandteil jeder vernünftigen Gesundheitspolitik.

Die eigentliche Frage heißt: Kann man Menschen zur Vernunft zwingen? Darf man Patientenrechte verwässern? Und haben Eltern überhaupt das Recht, ihren Kindern Vorsorge zu verweigern, wenn sie sie damit enormen – erwartbaren – Gefahren aussetzen?

Rückfall ins Mittelalter? Fallen wir in voraufgeklärte Zeiten zurück, in ein vorwissenschaftliches Zeitalter? Mediziner wie Alexander Fleming und andere würden sich im Grabe umdrehen, wüssten sie, wie man mit ihren Entdeckungen mittlerweile umgeht. Leben wir wieder in einer Welt, die ausschließlich von Irritationen und seltsamen, fast abergläubischen Mythen beherrscht sind?

Wir Ärzte haben die Pflicht, Menschen zur Impfung zu raten. Und die Verpflichtung, ihnen alle Argumente dafür zu liefern. Entscheiden muss der Betroffene.

Noch gehen wir vom mündigen Patienten aus. Wie lange noch?

Was ist, wenn Masern epidemisch werden? Die Krankheit ist schnell einmal übertragen. Und es wenn es die ersten Todesfälle gibt? Wie werden politische Bewegungen dann agieren?

Also doch strafen? Verordnen? Oder mit vereinten Kräften informieren, aufklären, warnen?

Ziel muss immer noch sein: Mündige Menschen in einem sozial abgesicherten System, das auf dem Prinzip der Subsidiarität und Solidarität besteht. Umverteilung und damit Minimierung des Risikos. Man sollte diese Debatte mit aller Ernsthaftigkeit führen, sonst haben wir die nächsten Epidemien vor der Haustür.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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