Sind wir noch gesund? Über einige Ungereimtheiten in der Statistik

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Tiroler sind gesünder und leben länger als Wiener und Burgenländer. Salzburger haben einen besonders ausgeprägte Altersgesundheit: bis zum 70. Lebensjahr sind sie – statistisch gesehen – weitgehend fit, mobil und beschwerdefrei. Die geringste Lebenserwartung haben Menschen mit Migrationshintergrund in Ottakring.

Es gibt nicht nur einen Zusammenhang zwischen Gesundheit, guter Luft und stabiler Umwelt, sondern auch zwischen Bildung, sozialem Status und beruflichen Perspektiven. Langzeitarbeitslose sind häufiger krank als Berufstätige. Akademiker sind gesünder als Menschen ohne Lehrabschluss. Mit einem Wort: Gesundheitspolitik ist Sozialpolitik, Bildungspolitik, Umweltpolitik und Arbeitsmarktgestaltung.

Städter gehen öfter zum Arzt als die ländliche Bevölkerung. Das liegt nicht nur daran, dass sie weniger gesund oder leidenstolerant sind, sondern auch am Angebot. In Wien steigt man in die U-Bahn und ist aus jeder Destination in spätestens einer viertel oder halben Stunde ein einer Klinikambulanz – das Warten dort spielt eine deutlich geringere Rolle als angenommen.

Am Land überlegt man sich mehrfach, ob es Sinn macht, den Arzt aufzusuchen, wenn man verschnupft ist oder sich in den Finger geschnitten hat. Der Arzt ist weit weg und die Ordination hat nicht immer offen. Das nächste Ambulatorium ist weit entfernt. Wer kein Auto hat oder nicht mehr Autofahren kann, ist auf Öffis angewiesen und die stellen in der Regel am frühen Abend ihren Betrieb ein.

Gesundheitspolitik ist auch Infrastrukturpolitik. Wenn in bestimmten Gebieten nicht mehr investiert wird, keine Straßen erneuert, Eisenbahnlinien gecancelt, Buslinien ausgedünnt werden, Behörden abziehen, die Nahversorgung lückenhaft ist, dann geht auch kein praktischer Arzt gerne hin. Nicht nur, weil es zu wenige Patienten gibt, auch deshalb, weil es für seine Kinder keine adäquaten und leicht erreichbaren Schulen gibt, für den Partner keine adäquate Arbeit.

Gesundheit ist zu einem Teil des Marktes geworden. Wo es keine Perspektiven, dafür aber hohe Altenanteile gibt, herrscht geringere Nachfrage. Die meisten Landarztpraxen wären ohne Hausapotheke kaum überlebensfähig – abgesehen vom intensiven Arbeitseinsatz, den viele nicht mehr bereit sind, aufzubringen. Man hat im Leben auch andere Interessen und Bedürfnisse. Das ist legitim.

Fazit: Zentralisierung kann mit diesen volatilen und höchstkomplexen Versorgungsstrukturen nicht umgehen. Föderalismus und vor allem Autonomie sind notwendig.

Wenn in großen und mittleren Städten die Bevölkerung um 3 Prozent im Jahr steigt, dann bedeutet das exponentiell höheren Bedarf an Ärzten, Pflegefachkräften und medizinischen Einrichtungen. Es bedarf einer langfristigen Planung. Schließlich dauert es zehn Jahre und mehr, bis ein Medizinstudent im ersten Semester ärztlich verantwortungsvoll arbeiten kann.

Wenn in anderen kleineren und mittleren Städten die Bevölkerung um den selben Zeitpunkt schrumpft, bedarf es anderer Versorgungseinrichtungen: Mehr Mobilität, mehr telekommunikative Vernetzung und gruppenärztliche Angebote. Auch das lässt sich nicht von heute auf morgen einrichten.

Wo der Anteil von funktionalen Analphabeten und des Deutschen nicht, oder nur mangelhaft, mächtige Menschen hoch ist, braucht es andere Services: Dolmetscher, multisprachliche Ärzte, intensivere Aufklärung und Nachbearbeitung.

Brennpunktschulen brauchen Mediatoren und ausreichend Schulärzte. Das Aggressionspotenzial ist besonders hoch, die Ernährungsgewohnheiten besonders schlecht. Die Gefahr von chronischen Krankheiten oder viralen Übertragungen ist höher.

Wenn die Statistik ergibt, dass Österreich bei der Altersgesundheit nicht besonders gut abschneidet, muss in Pflegebetten, Rehabilitation und begleitende Pflege investiert werden. Das heißt Abbau von Akutbetten und ein Zusatzangebot an Pflegebetten – die noch dazu wesentlich billiger sind – und mobile Pfleger.

Es wäre schön, wenn sich die Gesundheitspolitik – im Bund aber auch in den teilweise selbstherrlichen Ländern und Großgemeinden – dieser komplexen Materie bewusst wäre. Dann würde ein Umdenken stattfinden: Weniger Hierarchie, weniger Zentralismus, mehr Autonomie dort, wo die Experten vor Ort sind. Und vor allem: kontinuierliche Einbindung von Ärzten und medizinischen Experten. Sie haben die  Expertise.

Gesundheitspolitik, die sich aus dem Alltag zurückzieht, dafür aber klare Reglementierungen formuliert, ist weniger schädlich als andauernde Intervenitits. Politiker sollen nicht versuchen Manager zu spielen: Weder im Krankenhausbau noch in der Versorgungspraxis.

Sie würden sich Ärger und wohl auch Geld ersparen, welches man in Forschung und in eine verbesserte Grundversorgung investieren könnte und in ordentliche Bezahlung derjenigen, die in Medizinberufen tätig sind.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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