Belohnen statt beklagen Anreize für ein gesünderes Leben

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Wohl dem, der ein gesundes Leben führe…. Umgelegt auf das aktuelle Gesundheitssystem: Ein Bonus für diejenigen, die vernünftig handeln und leben. Ein Bonus für diejenigen, die zunächst einmal ihren praktischen Arzt aufsuchen, bevor sie ohne nachzudenken in die Krankenhausambulanz fahren oder gleich zum Facharzt. Und ein Bonus für diejenigen, die sich für den Beruf des Allgemeinmediziners entscheiden? Zumindest ein Ansatz zum Nachdenken, um das Gesundheitssystem von unten nach oben zu reformieren.

Je nach Statistik könnten etwa 60 Prozent der Krankheiten, Verletzungen, und schlechten Befindlichkeiten durch den niedergelassenen Arzt rascher, effizienter und wohl auch nachhaltiger behandelt werden, als in überlasteten und im Endeffekt teureren Krankenhausambulanzen, die gesetzlich veranlasst sind, jeden Patienten aufzunehmen und erstzubehandeln.

Gesundheitspolitik ist Erziehung zur Gesundheit, zur mündigen Einschätzung und Einstellung zum eigenen Körper. Und Gesundheitsversorgung heißt, wie der Name schon sagt, Menschen so lange wie möglich gesund zu erhalten. Und nicht von der Ideologie des grundsätzlich kranken Menschen auszugehen. Gesundheitsvorsorge ist nicht Krankheitsintervention und Therapie.

Ein Steuerungsinstrument dafür wäre die Finanzierung aus einer Hand – und zwei Töpfen. Generell: Alle ambulanten Leistungen werden aus den Mitteln der Sozialversicherung bezahlt, gleichgültig wo sie erbracht werden. Die Erstversorgung wird damit verstärkt in Richtung Allgemeinmediziner und niedergelassener Arzt gesteuert. Wenn es für das System nützlich ist, auch mit einem Bonus. Und vor allem bei einer ordentlichen Honorierung des Allgemeinmediziners, einer deutlichen administrativen Entlastung und infrastrukturellen Förderung: Breitbandinstallationen, Praxiserstausstattung, bestmöglicher Anschluss an öffentliche Verkehrssysteme.

Ziel ist, dass der mündige Patient selbst entscheidet, ob es für ihn besser ist, den Allgemeinmediziner aufzusuchen, als gedankenlos in das nächstliegende Krankenhaus zu fahren. Je besser der Allgemeinmediziner vernetzt ist, umso besser kann er auch vor Ort entscheiden, was er mit dem Patienten tut – Überweisung zu einem Facharzt oder Selbstauskunft bei einem Facharztkollegen – dazu gibt es die E-Medizin unter anderem – oder direkte Zuweisung an das Krankenhaus.

Dasselbe gilt für die postoperative  Betreuung: Viele Behandlungen könnten entweder in Tageskliniken erbracht werden, viele Patienten werden zu lange im stationären Bereich belassen, weil es an postoperativer Betreuung fehlt. Dies aber könnte der praktische Arzt leisten – Betreuung des Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt, Kontrolle des Wohlbefindens, Coaching des Genesungsverlaufes.

Das ist das Eine. Das andere ist, dass man parallel – und wissenschaftlich gestützt – eine Evaluierung durchführt: Was kann besser im Krankenhaus behandelt werden, was kann ambulant statt stationär behandelt werden, wo braucht es mehr kassenärztliche Verträge, wie steuert man bestmöglich die Patientenflüsse und wo schafft man beispielsweise Gruppenpraxen und ähnliche Services?

Das bedingt auch eine Berücksichtigung der demographischen Entwicklung der Bevölkerung und Mobilitätsströme sowie der Raumordnungspolitik und Infrastrukturvorhaben.

So könnte man ein an sich gutes System – unter Beibehaltung des Grundprinzips der freien Arztwahl – verbessern, ohne gleich mit dem Holzhammer einzudreschen und alle zu verunsichern.

Lernen wir hier von den Chinesen: Die bestbezahlten Ärzte sind diejenigen, die am wenigsten Krankheitsfälle haben, weil sie dafür sorgen, dass ihre Klienten gesünder und bewusster leben.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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