Redet nicht alles krank!

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In der Schweiz gibt es seit kurzem ein „Mediziner-Café“. Pensionierte Ärzte geben hilfesuchenden Patienten Tipps und Anregungen. In einer angenehmen Atmosphäre. Ein zivilgesellschaftliches Modell auch für andere Länder? Ärztemangel, lange Wartezeiten, überfüllte Ambulanzen: Das gibt es nicht nur bei uns, sondern in den meisten EU-Ländern.

Eine Feststellung kann dabei treffen: Überall dort, wo das System absolut zentralisiert wurde, crasht es gewaltig. Und die 2- oder 3-Klassen-Medizin ist deutlicher als woanders. Das sollten wir bedenken, wenn wir zum x-ten Mal eine Gesundheitsreform anstreben. Der Regierung sei eine Fact-Finding-Mission empfohlen.

Die Herausforderungen für eine Gesundheitsreform sind seit Jahren die gleichen: Mangelnde Verzahnung zwischen muralem und extramuralem Bereich, zu wenige Kassenstellen für Allgemeinmediziner und Mängelfächer, keine klare Leistungsbeschreibung für die einzelnen Krankenhäuser. Viele Patienten klagen nicht zu unrecht, auch viele Ärzte teilen diese Ansicht, dass sie im Kreis hin- und hergeschickt würden.

Vielen Experten ist klar, dass Akutbetten in Pflegebetten umgewandelt werden müssten und kleine Krankenanstalten mit niedrigen Fallzahlen in Erstversorgungs- und Pflegezentren umgewandelt werden sollten, vor allem dort, wo 2 oder 3 Spitäler sich in unmittelbarer Nähe befinden.

Alle diese Probleme sind lösbar – mit Hausverstand und gutem Willen. Man muss nicht gleich das Kind mit dem Bad ausschütten und erbarmungslos zentralisieren, die Sozialpartner und deren Selbstbestimmungs- und Verwaltungsrecht aushebeln und Verordnungspolitik betreiben. Das führt zu Widerstand und zu einer Erosion eines Systems, das in seinen Strukturen gut funktioniert.

Krankheiten sind nicht planbar, Verletzungen und Unfälle auch nicht, Heilungsverläufe schon gar nicht. Deshalb muss vor Ort und autonom entschieden werden, wie man die beste Versorgung etabliert, wo man Redundanzen anlegt und wo man Einheiten zusammenlegen kann.

Alle sind sich einig, dass die wohnortnahe Erstversorgung die tragende Säule einer flächendeckenden Versorgung ist. Wohnortnähe bedingt aber eines: weitestmögliche Autonomie und Selbstbestimmung. Das Know-How dafür ist nicht in den Zentralen am „grünen Tisch“ vorhanden, sondern draußen in der Peripherie, in der Praxis.

Das bedeutet: So viel Förderalismus wie nur möglich. Allerdings ein Förderalismus im eigentlichen Sinn: ohne Einmischung der Politik, sondern in Selbstverantwortung der Zuständigen. Und das sind die Sozialpartner und gegebenenfalls die Manager und medizinischen Leiter der regionalen Krankenhäuser.

Förderalismus bedeutet, dass es in Standortfragen ausschließlich medizinische und gesundheitspolitische Argumente geben darf. Es darf nicht entschieden sein, ob ein Krankenhaus oder ein PHC sekundäre Wertschöpfung bringt und Arbeitsplätze in einer Region erhält, Zulieferanten beschäftigt. Das ist alles schön und gut, aber kein Parameter für die Gesundheitsversorgung.

Deshalb: Zentrale Rahmenbedingungen schaffen, Harmonisierungen der unterschiedlichen Leistungen, einheitliche Gesetze für alle Länder, aber keine Fremdbestimmung.

Dann hat eine Reform Chancen. Weil sie von unten kommt. Und die Betroffenen mit einbezieht.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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