Zuerst Ärztenotstand, dann Pflegenotstand Initiativ werden für ein soziales, gerechtes Österreich

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Die Wirtschaft boomt – noch – die Arbeitslosigkeit sinkt, die Altersarbeitslosigkeit bleibt konstant, die Bevölkerung wird älter, die Lebenserwartung steigt weiter, die Kluft zwischen arm und reich auch. Es fehlt an Ärzten und an Pflegekräften, insbesondere an Alterspflege. Und es wird dramatischer.

Österreichs Bevölkerung wächst. Durch Zuzug und dadurch, dass die Menschen deutlich älter werden. Bereits 2020 werden mehr als 10 Prozent der Österreicher über 80 sein. Und die Mehrzahl über 60. Und ein Großteil davon wird auf Pflege angewiesen sein: Alltagspflege aber auch medizinische Pflege. Das heißt, wir werden einen deutlichen Mehraufwand haben: an Ärzten, an Pflegekräften und auch an Pflegeplätzen.

Im selben Ausmaß wie die Pflegebedürftigkeit steigt, nimmt die informelle Pflegeleistung ab: Immer mehr Frauen sind berufstätig, Kinder leben weit entfernt von den Eltern, es gibt immer mehr Patchworkfamilien. Kurzum: Die Pflege durch die Angehörigen wird nicht mehr in dem Ausmaß stattfinden können wie heute.

Dazu kommt, dass die medizinischen Leistungen immer besser, effizienter – und gleichzeitig teurer werden. Medikamente und die Entwicklung von neuen Medikamenten kosten viel Geld. Und viele Medikamente könne in Zukunft von den Krankenkassen nicht mehr getragen werden.

Die Zahl der Pflegebetten ist zu gering. Schon seit Jahren fordern die Ärzte, Akutbetten in Pflegebetten umzuwandeln, oder kleinere Spitäler in Pflegezentren.

Wien hat hervorragende neue Alterswohnhäuser geschaffen, man bietet auch im normalen Wohnverbund immer stärker betreute Senioren-WGs an, doch das ist verständlicherweise zu wenig.

Und abgesehen von den mangelnden Ressourcen: Wer soll diese Kostenexplosion finanzieren? Der Staat? Die Sozialversicherungen im Wege der Umverteilung? Das würde diejenigen treffen, die heute schon extrem hohe Abgaben leisten: die Jungen und die aktuell Erwerbstätigen.

In manchen Ländern gibt es bereits Pflegeversicherungspflicht. Jeder muss eine Pflegeversicherung abschließen – und Versicherungen dürfen Anträge nicht ablehnen.

Weit sind wir gekommen: Die Rückverschiebung der Verantwortung des Staates an die Menschen steigt. Und zwar die finanzielle Verantwortung.

Solange wir Gesundheit und Wohlbefinden nicht integriert sehen, solange es kein einheitliches und gemeinssames Gesundheits- und Daseinsvorsorgebudget gibt, werden wir nicht viel weiter kommen: und solange Staat und öffentliche Träger nicht bereit sind Pflegeberufe aufzuwerten und Mediziner, insbesondere Allgemeinmediziner besser zu bezahlen, ihnen mehr Wertschätzung gegenüberzubringen, wird sich wenig ändern.

Und zum Schluss heißt es dann: Jeder ist für sich verantwortlich. Wenn er es sich leisten kann. Alles andere wird zurückgefahren.

Wir alle – Ärzte, Pfleger, Menschen in Sozial- und Humanberufen – sollten gemeinsam eine Imitative starten: für ein sozial gerechtes, gesundes Österreich.

Ganz nebenbei: Das ist auch ein Beitrag zum sozialen Frieden im Lande. Und ein Aufruf zur Solidarität.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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