Endlich: Wir sind Europameister Im Trinken und Ungesund leben

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Die WHO stellt Österreich kein gutes Zeugnis aus: Wir trinken zu viel, wir rauchen zu viel, wir sorgen zu wenig vor. Im Trinken haben wir nunmehr auch die Osteuropäer und Skandinavier überholt. Österreicher trinken im Durchschnitt 12,32 Liter reinen Alkohol im Jahr. Das ist mehr als ein Liter pro Monat. Oder umgerechnet über 700 kleine Bier. Prost. Auch im Rauchen – vor allem bei Jugendlichen – sind wir Spitze, ebenso bei den Obst- und Gemüseverweigerern. Tu felix Austria: Schnitzel mit Pommes Frites und Bier. Alarmschlagen allein hilft nicht. Man muss etwas tun.

In wenigen Tagen startet das Anti-Raucher-Volksbegehren. Es sollte eine machtvolle Demonstration der gesundheitsbewussten und sozial engagierten Bürger werden. Und wir sollten es dazu nutzen, generell für ein gesünderes Leben einzutreten.

Ärzte als Gesundheitscoaches sind nicht nur dazu da, erstzubehandeln, sondern darauf zu schauen, dass die Menschen – ich vermeide bewusst den Begriff Patienten – möglichst vernünftig leben. Das ist kein Plädoyer für eine Verbotsgesellschaft, sondern ein Ruf nach mehr Vorsorge.

Beginnen wir dort, wo Menschen noch formbar sind: in den Kindergärten, Vorschulen und Schulen.

Wir haben ab nächstem Jahr einheitliche Schulantritts-  und Schulreifetest-Normen und
-untersuchungen. Warum koppelt man das nicht beispielsweise mit einer umfassenden Gesundenuntersuchung bei 4- und 5jährigen? Vieles ließe sich früh erkennen: Neigung zu Adipositas, Fehlsichtigkeit, um nur einige Beispiele zu nennen.

Und warum investieren wir nicht mehr in Schulärzte: beispielsweise jährliche Gesundenuntersuchungen zu Ende des Schuljahrs, Umsetzung des Turnunterrichts, oder nennen wir ihn Bewegungsunterricht.

An manchen Schulen gibt es bereits „Gehschulen“. Lehrer und Eltern gehen mit ihren Kindern einmal in der Woche zu Fuß von der Schule nach Hause. Das hilft allen: mehr Bewegung – auch für die Erwachsenen – informelle Gespräche unter Eltern und Erziehern, Möglichkeit, nebenher Konflikte zu besprechen.

Wo bleiben die Allianzen zwischen Amateurvereinen und Schulen? Sportvereine klagen über Nachwuchsmangel – an den Schulen könnten sie Bewegungstalente finden.

Zum Thema Alkohol und Rauchen: Aufklärung ist wichtiger als Bestrafung später. Und Gesetze sind auch nur wirksam, wenn sie exekutiert werden. Das beginnt bei Gesetzeslücken und endet bei mangelnden Ressourcen seitens der Erzieher und Sicherheitskräfte. Denn: Der Erwerb und Konsum von Alkohol und Zigaretten ist für Minderjährige verboten, nicht aber der Besitz.

Jemand, der eine Flasche Wein oder Schnaps mit sich herumträgt, kann nicht belangt werden. Auch nicht, wenn er oder sie eine Packung Zigaretten in der Tasche hat.

Die Idee der gesunden Schulküchen ist ebenso Konstrukt geblieben wie die gesunde Jause, weil die Strukturen fehlen, weil die Industrielobby zu stark ist. Und weil ein Burger offensichtlich sexier  ist als ein Schnittlauchbrot. Und: Weil viele Eltern ihren Kids lieber ein Paar Euro geben, als ein Frühstück und eine Jause vorzubereiten.

Gesundheitsreform und Krankenkassenzusammenlegung hin oder her: Gesundes Leben ist die Basis für ein gesundes Gesundheitssystem.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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