VIVY: Hilfe für Patienten oder totale Kontrolle und Business für Konzerne ? Über die Gefahren der Gesundheits-AppVIVY bei deutschen Versicherungen und Apps im allgemeinen.

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16 deutsche Krankenkassen wollen VIVY einführen: Eine Gesundheits-App, auf der der Patient alle relevanten Daten und Diagnosen sicheren kannJ jederzeit abrufen darf sie aber nur der Vertrauensarzt. Und der Patient entscheidet selbst, mit wem er die Informationen teilt. Mehr als 13 Millionen Versicherte wollen mit VIVY beglückt werden. Ein enormer Fortschritt? Oder ein Schritt weiter zur totalen Vermarktung von Patientendaten? Experten sind skeptisch und warnen: Datenweitergabe ist jederzeit möglich. Zu viele Unsicherheitsfaktoren und Fremdmodule von anderen Produzenten seien im Spiel. Seit Apple und Google wie verrückt in Health-Services investieren, darf man alarmiert sein. Die machen es nicht aus Menschenliebe.

VIVY soll laut Krankenkassen eine Verbesserung des Systems bringen: Es gibt einen automatischen Medikamentencheck, Überweisungen können gebündelt und gesammelt werden, Allerts erinnern an Routineuntersuchungen oder Medikamenteneinnahmen, Blutbild, EKG-Befunde,Bilddaten etc. sind jederzeit abrufbar.

Dritte, so beteuert die private Vivy GmbH, hätten keinen Zugriff, auch nicht die Versicherungen. Es gebe mehrere Sicherheitsebenen und eine Verschlüsselung, zu der nur der Versicherte den Schlüssel hat – nicht einmal der Arzt.

Alles gut und sicher also? Mehrere Experten haben das System in der Praxis getestet. Ihr Urteil: Vernichtend. Schadsoftware könne relativ unkompliziert auf das Handy geladen werden – es läuft sowohl auf Apples IOS als auch auf dem offenen Android-System . Die Kombination mit anderen Apps – wie etwa Fitnesstracker und ähnliche – mache das Ganze zudem unsicher. Und durchlässig wie ein Scheunentor. Für Hacker sei es ein leichtes, so die Experten, unter anderem auch vom Verein Digitalcourage, einzudringen und Daten zu verwenden.

Interessant ist, dass unter den 16 Krankenkassen ausschließlich private beziehungsweise gewerbliche (Innungskassen) Krankenkassen teilnehmen. Die AOK (vergleichbar mit der österreichischen Gebietskrankenkasse) beharrt auf einem eigenen System. Übergreifende Plattformen sind in Deutschland – zurecht oder zu Unrecht – gescheitert, sogar eine erweiterte E-Card.

Fakt est: Es überschwemmen täglich hunderttausende neue Apps den Markt, die großen Datenmonopolisten à la Google, Apple und bald auch Amazon sind gierig nach Gesundheitsdaten: Denn kein Markt wächst so schnell und vor allem so nachhaltig wie dieser: Und kaum ein Markt ist so preisunsensibel. Bei Gesundheit sparen die Menschen nicht . Die Ängste und Irrationalismen sind besonders hoch.

Was das für Österreich bedeutet: Wir haben mittlerweile mit ELGA ein System, das bereits heute technologisch strukturell veraltetet ist- weil eben die Dynamik so hoch ist. Aber ELGA hat zumindest keine privatwirtschaftlichen Interessen und keinen kommerziellen Hintergrund. Ob ELGA das hält, was man verspricht, wird sich erst zeigen.

Und wir wissen, absolute Sicherheit gibt es nicht. Aber die Sicherheit ist umso größer, je klarer private Interessen ausgeschlossen werden. Von vornherein.

Auch in der digitalen Welt heißt es: Die Solidarität und Autonomie der Beteiligten ist Voraussetzung.

Das ist mit einem Grunde, dass wir vor jeglicher Profit-Privatisierung der Medizin warnen. Gesundheitsvorsorge ist Aufgabe des Staates ,der autonomen  Intuitionen  – und des Patienten. Aber nicht Ertragsfeld für private, ertragsorientierte Investoren. Letztendlich aber bleibt. Medizin ist eine Humanwissenschaft -mit hohem emphatischen Anforderungen . Und das kann keine App der Welt leisten.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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