Vorsorgen. Für den Notfall planen. Warum es in der Gesundheitsversorgung Reserven geben muss.

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5 Wiener Spitäler haben für den Notfall geprobt: Wenn nämlich 200 teilweise Schwerverletzte gleichzeitig eingeliefert werden. Beispielsweise nach einem Flugzeugabsturz oder einem Attentat. Die Probe verlief zufriedenstellend. Gut so. Die Frage, die man stellen muss: Haben Österreichs Krankenhäuser genügend Reserven und Redundanzen, um für derartige und ähnliche Notfälle- beispielsweise Epidemien- gerüstet zu sein. Die Frage muss unbeantwortet bleiben. Angesichts der dramatischen Personalnot und des Ressourcenmangels. In jedem anderen Unternehmen würde man nach Verstärkungen rufen, bei Polizei und Sicherheitskräften geschieht das immer wieder. In der Gesundheitsversorgung jedoch heisst es: sparen. Wir haben genügend Ärzte. Das ist ein Widerspruch in sich.

Bei Unfällen oder Epidemien, geht es um Leben und Tod. Um rasche Entscheidungen. Und die Zahl von derartigen Vorfällen könnte in Zukunft steigen. Ich will nicht dramatisieren, aber drauf hinweisen, dass es in unserem Gesundheitssystem keine Reserven gibt. Weil ohnehin schon die meisten an den Rand ihrer Kapazitäten angelangt sind. Und gerade noch den Alltagsbetrieb aufrechterhalten können. Noch.

In wenigen Jahren wird es nicht mehr so sein, außer es geschieht etwas: Eine Generation, jene der Babyboomer der Fünfziger Jahre, tritt ab. Geht in Pension. Genügend Nachwuchs ist nicht vorhanden. Oder zeigt unter herrschenden Bedingungen kein Interesse.

Man wird importieren müssen. Und auch hier ist die Lage nicht rosig. Ärzte aus Osteuropa zieht es eher nach Großbritannien, Deutschland oder in die Schweiz, weil Bezahlung und Rahmenbedingungen und wohl auch Karrierechancen besser sind.

Österreich bleibt in vielen Fällen zweite, dritte oder vierte Wahl.

Was für die Spitäler gilt, gilt auch für den niedergelassenen Bereich, zumindest für viele Fächer und für die Allgemeinmedizin.

Wir reden ständig von Vorsorge, Nachhaltigkeit und Sicherheitspolstern. Wenn der Ruf des Boulevards ertönt, man müsse mehr Polzisten haben, schwenkt die Politik sofort ein. Dass man dennoch nur mit viel Aufwand geeignete Mitarbeiter findet, steht auf einem anderen bildungspolitischen Blatt.

Warnrufe der Ärzte werden seit Jahren achselzuckend zur Kenntnis genommen, dann wieder dementiert, indem man mit beliebigen Statistiken und OECD—Vergleichen argumentiert, aber es folgen keine Handlungen. Im Gegenteil: Der Mehraufwand für Gesundheitsdienstleistungen wird gedeckelt. Und an das BIP gebunden.

Wir werden in Zukunft nicht nur mehr Notfälle haben, es wird verstärkt zu neuen Massenerkrankungen kommen, längst ausgemerzt scheinende Erkrankungen – Mumps, Masern, Scharlach, Kinderlähmung – treten wieder auf, gleichzeitig steigt die Immunität gegen Antibiotika.

Wir stehen noch unvorbereitet vor eine Lawine: die Altenpflege und medizinische Versorgung.

Und wir sind mit neuen Phänomenen konfrontiert: von zunehmenden Depressionen bis zu chronischen Haltungsschäden bereits bei Jugendlichen.

Bis junge Ärzte, die heuer beginnen zu studieren, ordinieren vergehen zehn bis 15 Jahren. In der Zwischenzeit muss man improvisieren. Aber wie.

Auf jeden Fall muss man eine Menge Geld in die Hand nehmen. Daran wird sich auch die Regierung gewöhnen müssen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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