Aufs Detail kommt es an… Nicht auf die PR

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Österreichs Gesundheitspolitik erlebt gerade stürmische Zeiten: eventuell verfassungsrechtliche Probleme bei der Krankenkassenreform, das Dilemma mit dem Rauchen in der Gastronomie und Hotellerie, Troubles beim Pflegeregress trotz OGH-Stellungnahme, Investitionsstopp bei den Sozialversicherungen und dann noch regionale Probleme und Skandale, wie das Krankenhaus Nord und Ressourcenmangel allerorten.

Die Regierung hat viel angekündigt, selbstbewusst und in großen Linien und muss jetzt sukzessive nachjustieren: Das kostet Zeit und möglicherweise auch Geld. Ebenso die angestrebten Einsparungen: Sie sind wahrscheinlich geringer als gedacht und kosten zunächst einmal mehr Geld, das der Sozialversicherung ersetzt werden muss, wenn man Rationierungen und Leistungskürzungen verhindern möchte.

In der Zwischenzeit wird die Versorgungsituation immer prekärer: Geschlossene Abteilungen in Schwerpunktkrankenhäusern, massenhaft freie Turnusplätze in ländlichen Spitälern, dramatische Engpässe in manchen Fächern und drohende Unterversorgung – vor allem bei Allgemeinmedizinern.

Die Länder sperren sich gegen die Aufweichung des Föderalismus, gegen sachlich notwendige Zusammenlegungen von Krankenhäusern oder deren Umwandlung in Erstversorgungs- oder Pflegezentren.

Eine Zeit des Umbruches bringt stets Reibungsverluste. Man sollte aber vor lauter Ankündigungspolitik nicht auf die akuten Probleme vergessen, die rasch gelöst werden müssen.

Es geht um die aktuelle Versorgungssicherheit, um das notwendige Aufstocken des Personals – Pflegemitarbeiter und Ärzte – um den barrierefreien Zugang zu Spitzenmedizin. Hier knirscht es gewaltig im Gebälk: Statt kürzerer, gibt es tendenziell steigende Wartezeiten, die Überlastung der Ambulanzen wird größer.

Wir leben in einer Alternsgesellschaft und auch die Ärzte werden älter. In den kommenden 3 bis 5 Jahren kommt es zur größten Pensionierungswelle in der Geschichte der zweiten Republik. Die Babyboomer, in den fünfziger Jahren geboren, erreichen das Pensionsalter. Die Lücken – insbesondere bei Ärzten, die lange Ausbildungszeiten absolvieren müssen – können nicht von heute auf morgen geschlossen werden. Außer man „importiert“ Ärzte. Ökonomisch gesprochen: leider ist dieser Markt leergefegt oder Österreich nicht attraktiv genug für ausländische Ärzte.

Es wäre der Gesundheitspolitik anzuraten, wieder etwas mehr reales Problembewusstsein zu zeigen und nicht zu viel auf einmal anzupacken oder anzukündigen.

Nicht umgesetzt ist ein dringlich notwendiges Vorsorgesystem und -Budget. Es ist nicht zu leugnen, dass sich die Fälle chronischer Krankheiten und Adipositas-Symptome bei Kindern und Jugendlichen häufen. Wenn man da nicht rasch einschreitet, haben wir in zehn Jahren eine kranke Generation von bedingt Erwerbsfähigen.

Apropos: Prävention bei Kindern. In kaum einem anderen Fach gibt es derartige Mängel, wie bei Kinderärzten und Kinderpsychiatern.

Es ist vordinglich aus diesen Spiralen herauszukommen. Sonst bringt auch die Umstellung des Sozialversicherungssystems und die Neufassung des Krankenhausgesetzes nichts.

Es fehlen die Menschen, die das tragen können und das sind die Ärzte, deren Warnungen man in den vergangenen Jahren – gleichgütlich in welcher Regierung – als Alarmismus abtat. Jetzt ist die Realität da. Und die ist nicht lustig und eignet sich nicht für rasche PR-Sprüche.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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