Nun also doch. Regierung plant ein Pflegekonzept.

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Lange genug wurde das Thema verdrängt. Es herrscht bald Pflegenotstand in Österreich. 450.000 Pflegebedürftige und Bezieher von Pflegegeld gibt es jetzt. Bis zum Jahr 2050 werden es zumindest 750.000 sein. 7,3 Milliarden € werden heute schon pro Jahr dafür aufgewendet, die Summe steigt jährlich um etwa 200 Millionen €, mit zunehmender Dynamik.

Doch das sind lange nicht alle Kosten: Etwa das Doppelte der Summe muss man für die „freiwillige“ und kostenlose Pflege durch Familienangehörige hinzu rechnen, etwa 4 Milliarden € werden an private Pfleger ausgegeben. Gewissermaßen aus dem laufenden Verdienst der Angehörigen oder aus Ersparnissen. Das alles scheint in der Statistik nicht auf.

2015 werden 1,2 Millionen Österreicher über 80 Jahre sein. Ein Großteil davon wird der Pflege bedürfen. Der medizinische Aufwand für einen 80jährigen ist weitaus höher als beispielsweise für einen 60- oder 70jährigen. Das erhöht neben den Pflegekosten auch die Kosten des Gesundheitssystems.

Noch gar nicht eingerechnet sind die Aufwendungen für Pflegekräfte zu Hause. Nur ein Bruchteil der Pflegebedürftigen wird in Altersheimen oder Tagesheimen untergebracht werden können, zumindest 80% werden zu Hause gepflegt werden.

Aber durch wen? Durch ihre Kinder, die zum Großteil dann selbst schon über 50 oder 60 sind, oft nicht am Wohnort der Eltern wohnen und selbst genügend Probleme haben? Durch die Enkel, die teilweise in unterschiedlichen Familienbezügen aufwachsen und bis zu 8 Großeltern haben, mitten im Erwerbsleben stehen und selbst Kinder haben?

Weit und breit herrscht heute schon Pflegermangel. In den Spitälern und Altenheimen, und vor allem bei der Heimpflege. Für die 24-Stunden-Pflege werden zu mehr als 2 Drittel ausländische Pfleger engagiert, die hin und her pendeln und deren Qualifikation oft nicht ausreicht. Außerdem kosten sie Geld, das viele Haushalte bald nicht mehr aufbringen können.

Mobile öffentliche Services – stundenweise Pflege, Essen auf Rädern, Pflegekollektiv am Land – sind jetzt schon am Rande ihrer Kapazitäten, die Gehälter sind niedrig, die physische und psychische Belastung hoch. Umschulungen von Langzeitarbeitslosen sind nur schwer möglich: vielen fehlen die cognitiven und empathischen Voraussetzungen.

Und es gibt noch weitere Probleme: Wir haben überhaupt keine Konzepte, wie man mit dementen Menschen umgehen wird. Die Zahl der Dementen wird deutlich ansteigen – allein altersbedingt. Man rechnet mit 360.000 bis 400.000 dementen Menschen im Jahr 2050. Das heißt: Es gibt zumindest 1,5 bis 2 Millionen unmittelbar Betroffene: Kinder, Ehepartner, nahe Verwandte. Es gibt noch immer keinen österreichweiten Demenzplan und auch am medizinischen und pharmalogischen Sektor tut sich wenig. Es gibt noch keine validierte Heil- oder „Linderungsmittel“, die effizient wären.

Und dann noch der große Brocken der Finanzierung: Die Kosten werden sich schlagartig erhöhen, auf über 10 Milliarden € bereits in 5 Jahren und dann exponential jedes Jahr mehr.

Dafür sind derzeit keine Mittel vorgesehen. Private Versicherungen bieten zwar – ähnlich wie Krankenzusatzversicherungen – Pflegeversicherungen an, doch die bringen wenig und sind teuer, wenn man nicht früh genug einzahlt. Und sind für viele gar nicht mehr leistbar.

Wir werden uns überlegen müssen, woher die Pfleger und auch die Ärzte kommen, die man bereits im nächsten und übernächsten Jahr zusätzlich braucht. Import von Pflegern wird nicht nur teuer, es stellt sich immer stärker die Frage nach Qualifizierung. Zudem ist der „Pflegemarkt“ hart umkämpft. Das Problem stellt sich nicht nur in Österreich, sondern in allen westeuropäischen Ländern. Überall ist die Bevölkerung deutlich überaltet, überall fehlt es an Pflegehäusern.

Die „Verfrachtung“ von pflegebedürftigen, dementen Menschen in exotische Länder wie Vietnam nimmt jetzt schon erschreckend zu. Das kann wohl keine Lösung sein: Abschiebung von Menschen!

Die Ärztekammer wird in den kommenden Wochen aktiv werden und einen großen österreichischen Pflegegipfel veranstalten – mit allen, die beteiligt sind.

Man muss jetzt den Mut haben, die Probleme offen auf den Tisch zu legen. Und rasch und …… Lösungen erarbeiten. Ein ewiges Streiten wird nichts bringen.

Wir sind es den älteren Mitmenschen schuldig, dass sie in Würde alt werden und sterben können. Das sollte die Leitlinie aller Reformen sein.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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