Turnen statt Rauchen Mehr Bewegung in Schulen und in der Freizeit

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Es ist gute fünf Jahre her, dass die seinerzeitige Regierung die tägliche Turnstunde angekündigt hat. Bis jetzt gibt es sie nur im Burgenland flächendeckend. In allen anderen Bundesländern ist man säumig, vor allem in Wien. Dabei wären die Kosten nicht gewaltig hoch und viele Vereine, die an Nachwuchsproblemen leiden, würden liebend gerne mit den Schulen zusammenarbeiten.

Mehr als die Hälfte der Wiener Kinder hat Mobilitäts- und Synchronisierungsprobleme. Einfache Bewegungen wie Rückwärtsgehen, auf einem Bein stehen oder Liegestütz bereiten Probleme. Die adipösen Kinder werden mehr. Augenleiden nehmen zu.

Gleichzeitig hat Österreich den höchsten Anteil an jungen Rauchern – und da vor allem bei Mädchen – in Europa. Jeder Suchtspezialist weiß: Wer frühzeitig mit dem Rauchen beginnt, tut sich verdammt schwer wieder davon loszukommen.

Bewegung und Fitness als Alternative zum Rauchen, als probate Prävention, als Beitrag zur Toleranz und Teamgeist: Sport kann helfen Vorurteile abzubauen.

Alles nur Lippenbekenntnisse?

Der Nationalfeiertag war vor Jahren noch so etwas wie ein nationaler Wandertag: Eröffnung durch den Bundespräsidenten, Hunderttausende wanderten. Was als Anachronismus erschien, könnte heute wieder Zeitgeist sein. Spazierengehen statt Rauchen.

Die Sportindustrie als Unterhaltungsbranche boomt. Menschen zahlen gerne freiwillig für Pay-TV-Sender. Die höchsten Zuwachsquoten verzeichnet E-Sports. Simulierte Bewegung am Computer gewissermaßen. Mit dem Joystick. Das mag zwar spannend sein, der Gesundheit ist es nicht zuträglich. Das Fußballfeld am Screen. Haltungsschäden und Konzentrationsprobleme sind die Folgen.

Der Absatz von Ritalin ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen und die Zahl der ADHS geschädigten Kinder ebenfalls.

Das alles sollten Alarmzeichen sein. Für die Gesundheits- und Bildungspolitik.

Schulsport, Bewegungsunterricht und Ernährungslehre sollten verpflichtend bereits in der Primärschule eingeführt werden – vor allem im Rahmen des Ganztagsunterrichts. Es hat wenig Sinn, die Kinder nachmittags in Klassenzimmern „einzusperren“, anstatt sie zur Bewegung zu animieren.

Es gäbe genügend Sporthallen und geschützte Plätze, wenn man sie in den vergangenen Jahren – aus Spargründen – nicht vernachlässigt hätte. Heute ist ein Drittel davon geschlossen beziehungsweise nicht benutzbar.

Dasselbe gilt für Hallen- und Freibäder: Gemeinden mussten sie aus Kostengrüden schließen und Schüler können nicht mehr schwimmen. Jeder zweite Schüler  in Wien ist nicht in der Lage, „sich über Wasser zu halten.“

Das Rauchverbot in der Gastronomie wäre unter diesen Umständen mehr als nur ein Signal. Es wäre ein Bekenntnis zu einer neuen offensiven Gesundheitspolitik bereits bei Schülern.

Vor zwanzig Jahren fand die bislang erfolgreichste Volksabstimmung in Österreich statt. Trotz massivem Bekenntnis der Regierung zur Atomindustrie waren die Menschen gegen Zwentendorf. Und Bundeskanzler Kreisky, oberster Atomlobbyist, gab nach. Und respektierte die Entscheidung der Basis.

Heute sind wir stolz, das erste europäische Land zu sein, das den Atomausstieg realisierte.

Wollen wir das letzte europäische Land bleiben, in dem man in öffentlichen Gebäuden und Hotels sowie Gasthäusern noch Rauchen darf?

Ich fürchte, darauf können wir weder stolz sein, noch ist es der Volksgesundheit zuträglich.

Deshalb: Geben sie Meinungsfreiheit im Parlament. Kein Klubzwang. Freie Abstimmung über das Rauchverbot.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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