Gesundheit, Pflege im Alter und daheim leben – Die Hauptsorgen der Österreicher ernst nehmen

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Wenn die Politik nicht nur Beliebtheits- und sonstige affirmative Meinungsumfragen ernst nehmen würde, sondern Fakten, würde sie vielleicht andere Prioritäten setzen. Zentrale Anliegen der Österreicher sind Gesundheit und medizinische Versorgung, Pflege bei Krankheit und im Alter und leistbares Wohnen – auch im hohen Alter.

Die Realität ist gegenteilig: Bislang gibt es kein Pflegekonzept – ein Modell ist bis Jahresende versprochen, aber ohne Details – und das Gesundheitssystem erodiert. Wie man die derzeitigen Standards halten will, weiß niemand genau. Denn: Das würde Geld kosten und Mut zu Reformen.

In Japan lassen sich immer mehr alte Frauen beim Diebstahl im Supermarkt erwischen – um für ein paar Monate ins Gefängnis zu kommen, weil sie sich Wohnen und Ausgaben für Gesundheit nicht leisten können. In Südkorea setzen sich verstärkt alte Ehepaare ins Auto und stürzen über einen Felsabhang ins Meer – absichtlich. Denn in Südkorea gibt es keine ausreichende Altersversorgung.

Beide Staaten sind ökonomisch hoch entwickelt, Japan hatte bis vor wenigen Jahren ein vorbildliches Pensionssystem, allerdings zum Großteil privat finanziert. Viele Menschen mussten die Reserven und finanziellen Polster aufzehren, um zu überleben. Und stehen nun da. Japan hat weltweit den höchsten Anteil an alten Menschen.

Soweit wird es in Österreich nicht kommen. Aber zu glauben, man könnte die Ausgaben für die Gesundheitsversorgung kürzen oder indizieren, ist aber naiv. Und wäre nur möglich, wenn man staatliche Leistungen zurückfährt. Die Konsequenz: Wer gesund bleiben will, muss es sich leisten können. Schon heute können sich viele Pensionisten, die in ihrem Erwerbsleben private Zusatzversicherungen abgeschossen hatten, die Prämien nicht mehr leisten und müssen ihren Vertrag kündigen.

Der Personalbedarf in österreichischen Krankenhäusern ist hoch. Die meisten arbeiten ohne Reserven und an der Grenze der Leistungsfähigkeit. Das gilt für Ärzte und Pflegekräfte gleichermaßen.

Die Situation wird sich verschärfen, wenn die Babyboomer-Generation in Pension geht. Das erfolgt im Laufe der kommenden 3 bis 5 Jahre.

Nachwuchs ist nicht in ausreichendem Ausmaß da. Alles das weiß man seit Jahren. Man weiß auch seit Jahren, dass ab 2021 die Wochenarbeitszeiten für Krankenhausärzte nochmals sinken müssen. Man weiß, dass die Hälfte der Allgemeinmediziner in den nächsten Jahren in den Ruhestand geht, dass immer mehr Landarztpraxen nicht mehr nachbesetzt werden können, weil es keine Interessenten gibt. Das gilt auch für Turnusärzte an kleineren Krankenhäusern.

Man weiß, dass einerseits die Lebenserwartung – zumindest in den kommenden Dezennien – weiter steigen wird, und gleichzeitig der Gesundheitszustand der Jugend suboptimal ist.

Bislang hat man die Warnungen der Ärzte überhört und mit Statistiken geantwortet, oder mit Hinweisen, dass wir ohnehin im besten aller Systeme leben.

Das mag noch stimmen – europaweit werden Sozialsysteme heruntergefahren – ist aber auf Dauer nicht aufrecht zu erhalten.

Man sollte auf die Ängste und Sorgen der Menschen etwas mehr achten, sonst werden sie irgendwann rebellieren. Schließlich ist es ihr Geld, das für Gesundheit aufgewendet wird.

Es gibt genügend reformwillige, vernünftige Kräfte im Land. Sie sollten aufstehen und sich deutlich zu Wort melden. Noch ist es nicht zu spät.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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