Wir verlieren die Besten! Braindrain, Ärztemangel, Imageverlust

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Immer mehr herausragende Ärzte und Wissenschafter zwischen 30 und 45 Jahren verlassen ihre Kliniken und Krankenhäuser. Die meisten gehen ins Ausland – offensichtlich sind Chancen und Arbeitsbedingungen sowie Bezahlung und Wertschätzung größer. 4 von 10 Absolventen der medizinischen Universitäten bleiben nicht in Österreich oder üben den Beruf des Arztes nicht mehr aus. Die österreichischen Universitäten tun sich immer schwerer, exzellente ausländische Ärzte und Forscher nach Österreich zu lotsen. Warum wohl? Ist nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch der Exzellenzstandort Österreich in Gefahr? Der Braindrain ist besorgniserregend.

Gesundheit und Medizin als Wissenschaft sind mittlerweile ein Markt, der nach Angebot und Nachfrage orientiert ist. Österreich und Wien – einmal die Medizinhauptstadt der Welt – sind offensichtlich nicht mehr so attraktiv wie noch vor Jahren.

Das hat nicht nur mit der Bezahlung allein zu tun, sondern mit anderen, „weichen“ Faktoren. Ärzte genießen in der Bevölkerung und bei den Patienten nach wie vor höchstes Ansehen. Nicht aber bei Politikern, Gesundheitsmanagern und in der Verwaltung. Dort gibt es weder Wertschätzung noch ernsthafte Versuche von Reorganisationen.

Nach wie vor werden Turnusärzte signifikant oft für Tätigkeiten eingesetzt, für die sie nicht ausgebildet wurden, nehmen Administration und Bürokratie bis zu einem Viertel der Arbeitszeit weg, die man besser den Patienten widmen sollte.

Nach wie vor sind Pflegekräfte unterbezahlt und zum Teil ebenfalls falsch und unter ihrer Qualifikation eingesetzt.

Wissenschaftliche Mitarbeiter bzw. Ärztinnen und Ärzte an den medizinischen Universitäten kommen zumeist nur mehr in der Freizeit dazu, zu forschen, ihre Verträge sind limitiert.

In mehreren, aufeinander folgenden Befragungen von Ärzten in Ausbildung wurde das Ausbildungsniveau kritisiert, wurde bemängelt, dass Ärzte in Ausbildung oft ins kalte Wasser gestoßen würden und dass sie kaum kohärente Ansprechpartner haben.

Allgemeinmediziner sind zwar bei den Patienten die beliebtesten und vertrauenswürdigsten Ärzte, die Arbeitsbedingungen von Hausärzten und ihre Bezahlung aber spotten jeder Beschreibung. Das gilt insbesondere für den urbanen Bereich aber auch  für das Land.

Zwar ist in jedem Papier zu einer Gesundheitsreform und in jeder Regierungserklärung seit 20 Jahren davon die Rede, den Allgemeinmediziner zu stärken, realisiert wurde aber nichts.

Im Gegenteil, manchmal hat man den Eindruck, man wolle aus Politikersicht den Beruf auslaufen lassen. PHC statt Hausärzte.

Ähnliches gilt für Krankenhausärzte, die manchmal bis zum Grad der Erschöpfung im Einsatz sind, im hierarchischen System kaum mehr Aufstiegschancen haben, und vom System kaum wertgeschätzt sind.

Die junge Generation von Medizinern wird sich das nicht mehr bieten lassen: An erster Stelle stehen die Verwirklichung der eigenen Lebenskonzepte, nur wenige noch opfern Freizeit und Lebensqualität für einen wenig bedankten Beruf auf.

Zudem gibt es mehr weibliche als männliche Ärzte, und immer mehr Alleinerziehende. Sie haben – logischerweise – andere Prioritäten. Noch dazu, da man ihnen kaum entgegenkommt: Kinderbetreuung in Spitälern, mehr Teilzeit- und Gleitzeitangebote, eine neue Kultur der Sabbaticals.

Unser System krankt an mehreren Stellen, und vieles steht knapp vor der Erosion.

Wenn wir wollen, dass unsere medizinischen Standards und die flächendeckende Versorgung weiter gesichert sind, müssen wir an vielen Schrauben drehen, sonst haben wir bald keine Ärzte mehr, hinken in der Forschung nach und können Menschen nicht mehr adäquat versorgen. Da nützt auch eine Krankenkassenzentralisierung, die derzeit nur Geld kostet, nichts mehr.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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