Für Vielfalt – gegen Scharlatanerie. Nicht die Ärzte sind schuld an der geplanten Gesetzesausweitung für Ärzteberufe.

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Die heftigen Debatten in der Öffentlichkeit – Alternativmedizin, Berufsverbote für Osteopathen, Kurpfuscherei und so weiter – beruhen auf einem fundamentalen Missverständnis. Das geplante Gesetz entspringt schon gar nicht einer Initiative der Ärzte oder der Ärztekammer. Ansatz der Regierung war und ist, rechtliche Grundlagen zu schaffen, damit Kurpfuscherei auch als solche bestraft werden kann.

Die Justiz konnte Kurpfuscher und selbsternannte Wunderheiler bislang nicht bestrafen. Eben weil es keine Gesetze gab. So verfiel die Regierung auf die Idee, Alternativmedizin als Teil der ärztlichen Berufsbildes zu definieren. Das war schlecht kommuniziert.

Wir Ärzte haben nichts gegen Komplementärmedizin. Im Gegenteil. Seit Jahrzehnten schon werden Zusatzzertifikate für Komplementärmedizin ausgestellt, Kurse angeboten, wird mit Fachgesellschaften kooperiert. Eine Einschränkung aber muss gelten: Komplementärmedizin ist kein Ersatz für klassische, wissenschaftsbasierte Medizin, sondern Ergänzung, Begleitung.

Dasselbe gilt für gewerbliche Dienstleistungen wie Osteopathie, Energetik, traditionelle und nicht-traditionelle Massage. Wir sind offen dafür und wollen, ja können, nicht alles arrogieren. Allerdings muss es Klarheiten geben: Exakte Berufsbeschreibungen, nachvollziehbare Prüfungen, Qualitätskontrolle der laufenden Tätigkeit, Nachweis der Fähigkeiten. Dabei müssen Standards gelten, wie sie für uns Ärzte auch gelten: wissenschaftlich, praktisch und auch ethisch.

Dann haben die Gesellschaft und der Gesetzesgeber es in der Hand, Kurpfuscher und andere Heilversprecher zu bestrafen und zu verurteilen.

Viele meiner Kollegen sind begeisterte Anhänger der TCM, aber auch der nicht traditionellen fernöstlichen und westlichen Medizin, viele bieten Osteopathie an, weil sie es beherrschen. Aber niemand käme auf den Gedanken des Exklusivversprechens.

Gesundheitsfragen sollte man pragmatisch, aber mit der notwendigen und gebotenen Sorgfalt behandeln. Husch-Pfusch geht nicht. Das zeugt höchstens von Kurpfuscherei.

Also: Zunächst einmal Beruhigung. Dann eine Liste von Tätigkeiten, für die es exakte Berufsbilder geben muss. Und dann ein Konsens mit dem Ärztegesetz.

Unser aller Ziel, die wir mit Gesundheit und Krankheit zu tun haben, muss sein, Gesundheit so gut und lang wie möglich zu erhalten. Und Krankheiten, wenn schon nicht heilen, dann zu lindern, oder so zu gestalten, dass sie einem erfüllten Leben nicht im Weg stehen. Mit Krankheit leben, kann auch Wohlbefinden bedeuten.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Ein Gedanke zu „Für Vielfalt – gegen Scharlatanerie. Nicht die Ärzte sind schuld an der geplanten Gesetzesausweitung für Ärzteberufe.“

  1. Die Gesetzesinitiative ist höchst überfällig – da kann man doch nicht von „Schuld“ sprechen. Krankenbehandlung gehört in de Hände von Ärztinnen und Ärzten – sie sind schliesslich verantwortlich für alles was sie tun und unterlassen. Das war zumindest seit mehr als 10 Jahren die Politik der Ärztekammer, es gibt keinen Grund, sich von der Initiative zu distanzieren.
    Mit freundlichen Grüßen
    Reiner Brettenthaler

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