Patienten brauchen Hilfe. Jetzt! Dramatische Personalsituation im österreichischen Gesundheitssystem!

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Da sind sie wieder:  die überlaufenen, überlasteten Ambulanzen, Abteilungen, die aus Personalmangel oder bautechnischen Gründen geschlossen werden müssen, lange Wartezeiten, überlastete Landärzte, Fachärzte in Mangelfächern, mit monatelangen Anmeldelisten.

Wir haben ein dramatisches Personalproblem im österreichischen Gesundheitswesen, das seinen Höhepunkt – besser Tiefpunkt – noch lange nicht erreicht hat. Man muss Alarm schlagen. Gerade jetzt, da es langsam kälter wird, der Winter kommt, die Zahl der Infektionskrankheiten steigen werden.

Was für akute Fälle gilt, gilt auch für die postoperative Behandlung, Pflege und Rehabilitation: es fehlen Pflegebetten, Pflegepersonal, tagespflegerische Einrichtungen.

Dabei geht es uns angeblich so gut: so wenig Arbeitslose, wie schon seit Jahren nicht, ein Rekord an Beschäftigten, beeindruckendes Wirtschaftswachstum, Rekord an Steuereinnahmen.

Wenn es dem Staat so gut geht, dann soll er – gerade in Zeiten von Niedrigzinsen – auch mehr ausgeben: für die Bevölkerung, für die Gesundheit, die Bildung und die Vorsorge.

Es ist nicht einzusehen, dass Pfleger zu den schlechtesten bezahlten Qualitätsberufen zählen, Jungärzte in Ausbildung für Tätigkeiten eingesetzt werden, die kaum etwas mit ihrem Beruf zu tun haben, nur, weil es an allen Ecken und Enden an Mitarbeitern fehlt. Es ist auch nicht einzusehen, warum man bei der Vergabe von neuen Kassenverträgen knausert, als sei plötzlich Armut ausgebrochen.

Es ist insgesamt unfassbar, dass man heute beim Thema Medizin und Gesundheit nur mehr über Kosten und Kostensenkungen spricht, statt über die bestmögliche Versorgung – für alle.

Auch für diejenigen, die am Rande der Gesellschaft leben, seit langem Arbeitslos sind oder sonstige Handicaps haben.

Die Kluft in unserer Gesellschaft wird immer größer. Die Politik tut wenig, um diese Kluft zu vereinigen. Das beginnt beim Gesundheitssystem und endet bei der Mindestsicherung, wo um wenige hundert Euro herumdebattiert wird, während niemand etwas dabei findet, Unmengen für Image- und angebliche Infrastrukturprojekte auszugeben, deren Sinnhaftigkeit zumindest angezweifelt werden kann.

Die Sorgen der Politik sollten jene Menschen betreffen, die hier leben, sie sollten am allgemeinen Wohlstand teilhaben dürfen. Unter Wohlstand verstehe ich das Recht auf Wohlbefinden, auf ordentliche medizinische Versorgung und auf freien Zugang zu Bildung und zu Information.

Wir leben zwar angeblich im durchdigitalisierten Zeitalter, vergessen aber, dass 10 Prozent aus dem Web ausgeschlossen sind und es 1 Millionen Analphabeten gibt. Sie können sich schwer artikulieren auch, wenn es darum geht, beispielsweise ihr Leiden und ihre Schmerzen zu beschreiben. Diese Menschen sollten – wie andere auch – das Gefühl haben, gut aufgehoben zu sein, wenn sie eine Ambulanz oder eine Praxis aufsuchen.

Wir Ärzte und unsere pflegenden Kollegen tun alles dafür, das kann man uns glauben. Aber irgendwann gehen die Kräfte aus. Medizin kann nicht automatisiert oder durch Maschinen ersetzt werden.

Wir brauchen Menschen in der Gesundheitsversorgung und zwar dringend. Und wir brauchen würdevolle Anerkenntnis. Das scheint der Politik relativ unwichtig zu sein.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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