Zu wenig attraktiv für ausländische Ärzte? Wir exportieren viele, aber wenige wollen zu uns.

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5,1 Prozent der österreichischen Ärzte wurden im Ausland ausgebildet, sagt die OECD. In der Schweiz, wonach es viele österreichische Mediziner zieht, sind es 27 Prozent, in Deutschland immer noch 10,3 Prozent. In Norwegen wurden 38,1 Prozent im Ausland ausgebildet, in Großbritannien 26,9 Prozent, lediglich Italien liegt noch nach Österreich: mit verschwindenden 0,1 Prozent. Sind wir zu unattraktiv für ausländische Ärzte? Können wir unseren Ärztemangel durch Import nicht kompensieren?

Fakt est: fast 40 Prozent der in Österreich ausgebildeten Mediziner verlassen das Land, teilweise weil sie in ihre Heimat zurückwollen, teilweise weil die Bezahlung und die Arbeitsumfelder attraktiver sind. Dieser Trend hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt und ist mitverantwortlich für den eklatanten Ärztemangel.

Deutsche und Schweizer aber auch Briten werben offensiv an österreichischen Studienmessen und bieten offensichtlich auch bessere Karrierechancen.

Nun mag es ein Vorteil sein, dass man nicht vom „Import“ abhängig ist, Österreich befindet sich jedoch in einer besonders prekären Situation: Es gibt zu viele Hürden für ausländische Akademiker (nicht nur in der Medizin, auch in anderen Forschungsgebieten), die Sprache ist schwierig, die Arbeitsumstände nicht ideal – und die Bezahlung offensichtlich unter internationalem Niveau.

Was also tun? Fakt es, dass der Ärztemangel vor allem im kassenärztlichen Bereich und bei Spitälern, vor allem in ländlichen Regionen, besonders hoch ist. Hingegen steigt die Zahl der Wahlärzte kontinuierlich an. Das System manövriert sich also selbst ins Eck.

Eine positive Entscheidung bringt das neue Ärztegesetz: Ab nun können Ärzte auch Ärzte anstellen. Das könnte für Erleichterung sorgen.

Anderseits verunsichern Drohgebärden, Patienten von Wahlärzten keine anteiligen Krankenkassenbeiträge zu refundieren, alle. Das verschärft die Situation. Dabei gibt es in vielen Bezirken schon seit einiger Zeit keine Kassenärzte mehr, sondern ausschließlich Wahlärzte.

Im angestellten Bereich wiederum sind österreichische Krankenhäuser  in Punkto Bezahlung und Arbeiitsumfeld offensichtlich international nicht konkurrenzfähig. Wir geben auch deutlich weniger für Gesundheit aus als bespielweise unsere Nachbarn: In der Schweiz, die etwa gleich viel Einwohner hat, sind es über 70 Milliarden Euro, in Deutschland 310 Milliarden Euro.

Der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP ist in Österreich seit dem Jahr 2002 kaum gestiegen und verharrt bei knapp über 10 Prozent, in Deutschland sind es über 11 Prozent, in der Schweiz mehr als 12 Prozent.

Man kann es drehen und wenden wie man will. Um aus den akuten, aktuellen Problemen herauszufinden, wird man mehr statt weniger Geld in die Hand nehmen müssen und endlich attraktive Arbeitsbedingungen schaffen.

Oder: Wir bewegen uns schnurgerade auf ein ausschließliches Wahlarztsystem zu und eine Privatisierung des Gesundheitssektors. Wer das möchte – und da nehmen wir keine Partei aus –, soll es bitte sagen. Und nicht mehr vom weltbesten Gesundheitssystem reden.

 

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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