Arm, depressiv, weiblich. Österreich ist Spitzenreiter bei Depression und Suizid.

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16 Suizide pro 100.000 Einwohner. Damit liegt Österreich gemeinsam mit Belgien an der Spitze laut OECD Health at a glance 2018. 17,7% der Bevölkerung leiden an psychischen Erkrankungen oder Störungen, auch das ist deutlich höher als der EU-Schnitt. Signifikant: Je geringer Bildung und Wohlstand, umso höher die Depressionsgefahr. Das trifft insbesondere auf Frauen zu. Kein gutes Zeugnis für Österreich?

Die OECD beziffert die Gesamtkosten, die aufgrund von psychischen Erkrankungen entstehen, auf jährlich 4,33% des BIP. Das sind immerhin fast 15 Milliarden €. Davon entfallen etwa 4,7 Milliarden € auf medizinische und therapeutische Kosten und 6,3 Milliarden € für den Arbeitsmarkt, bedingt durch Ausfälle, die Sozialversicherungen sind mit knapp 3,9 Milliarden € belastet.

Signifikant im Ansteigen sind auch psychische Störungen bei Jugendlichen, vor allem verursacht durch Social Media. 35% der 11- bis 15jährigen leiden unter Bullying und Cyberbullying in der Schule. Damit liegen wir ebenfalls deutlich über dem EU-Schnitt.

Es ist mühselig, über Schuld und Schuldzuweisungen zu debattieren. Ernst zu nehmen sind diese Fakten in jedem Fall. Es stimmt etwas nicht mit dem österreichischen Sozialsystem.

Der jüngste Armutsbericht hat aufgezeigt, dass  1,5 Million Österreicher armutsgefährdet sind, mehr als 1 Million Menschen in desolaten Wohnverhältnissen leben . 1 Million Menschen sind deutlich verschuldet.

Die Lücke zwischen arm und reich wird immer größer. Das zeigt auch die Lebenserwartungsstatistik: Ärmere Menschen leben um 6-8 Jahren weniger als wohlhabende und gut gebildete.

Armut und Perspektivenlosigkeit machen depressiv. Die medizinische Versorgung in diesem Segment ist in Österreich suboptimal. Es fehlen Kinderpsychiater, es fehlen kinderpsychiatrische Einrichtungen und es gibt zu wenige Tageskliniken für depressive Erwerbstätige.

Das österreichische Sozialsystem, lange Zeit als vorbildlich gelobt, gerät sukzessive aus den Fugen: Einsparungen, würdelose Debatte um die Mindestsicherung, steigende Arbeitslosigkeit bei älteren Langzeitarbeitslosen trotz Wirtschaftsboom und wachsender Analphabetismus. 1 Million Österreicher kann nicht sinnerfassend lesen – quer durch alle Generationen und mit steigendem Ausmaß.

Dabei sind wir ein reiches Land mit einem beachtlichen Wirtschaftswachstum, die Steuereinnahmen fließen wie schon lange nicht mehr. Dennoch nehmen die Existenzängste der Bevölkerung zu. Das hat eine aktuelle Studie deutlich dokumentiert: Österreicher haben Angst vor Einsamkeit und Immobilität im Alter, fürchten sich vor chronischen Erkrankungen und befürchten, dass sie niemand mehr pflegt.

Wie gesagt: Irgendetwas stimmt nicht in unserem System. Und es ist dringlich an der Zeit, die Ursachen zu analysieren, statt soziale Härte unter dem Deckmantel des Sparens zu verstärken.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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