3,57 statt 5,1 Ärzte pro 1.000 Einwohner. Die OECD-Statistik gehört korrigiert.

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Laut OECD Statistik “Health on a Glance” beträgt die Ärztedichte in Österreich 5,1 pro 1.000 Einwohner. Das sind die Köpfe gerechnet werden alle Ärzte einschließlich Turnusärzte. De facto sind es aber nur 3,57, wenn man Turnusärzte  und Teilzeitbeschäftigte abrechnet und Vollzeitbeschäftigungen kalkuliert. Damit liegen wir im europäischen Mittelfeld. In Deutschland sind es 4,2 in Italien 4,0, in Schweden 4,3 und in Großbritannien, mit seiner verstaatlichten Medizin, 2,8. Dazu kommt: 29,7 Prozent der Ärzte sind über 55 Jahre alt, aber lediglich 18,9 Prozent unter 35 Jahre. Die Wahrheit ist. Wir haben einen Ärztemangel. Vor allem bei Allgemeinmedizinern am Land und bei bestimmten Fachärzten. Dem sollte man ins Auge sehen, bevor man schön färbt.

3,57 pro 1.000 rechnet mit sogenannten Vollzeitäquivalenten, also regulären Arbeitszeiten. Das ist auch korrekt. Denn die Zahl der Teilzeitbeschäftigungen nimmt zu – das ist ein gesellschaftlicher Trend, der nicht aufzuhalten ist. Mehr als die Hälfte der ÄrzteInnen sind weiblich bei steigender Tendenz.

Vor allem aber haben wir einen echten Mangel bei Kassenärzten, und in jenen Fächern, die schlecht bezahlt sind und hohen Aufwand bedeuten: zum Beispiel Kinderärzte und Allgemeinmediziner, weniger bei Wahlärzten.

Und wir haben ein eklatantes Nachwuchsproblem: Lediglich 18,9 Prozent der Ärzte sind unter 35 Jahre und werden noch 30 Jahre ihren Dienst versehen. Hingegen sind 29,7 Prozent jenseits der 55 Jahre und werden in den nächsten Jahren in Pension gehen. Der Zustrom von „unten“, also von jüngeren Ärzten kompensiert den Abgang der älteren nicht. Die Gründe: Abwanderung nach Studium oder Turnus, geringer Zuzug von ausländischen Ärzten (wir liegen deutlich hinter der Schweiz oder Deutschland), Trend zu Teilzeitbeschäftigung und nachlassendes Interesse für die Ausbildung zum Allgemeinmediziner.

Wien hat die höchste Ärztedichte vor Salzburg, Kärnten ist das Schlusslicht. Das kann man ökonomisch und infrastrukturell begründen: Kärnten ist wirtschaftlich schwach, Salzburg und Wien haben neben Vorarlberg die höchste Kaufkraft. Kärntens Bevölkerung nimmt ab, die Wiener Bevölkerungsanzahl steigt rasant. Ebenso die Salzburger. In Wien kommt dazu, dass Menschen in Großstädten kränker sind und mehr Betreuung benötigen, außerdem sind sinnvoller Weise Leistungen wie Transplantationen oder Behandlungen besonders schwer kranker Patienten in Wienzentralisiert.

Die Ärztedichte nimmt zudem strukturell mit der Verschlechterung der Verkehrs- und Bildungsinfrastruktur ab. Wo kein Bahnhof, keine Autobahn, oder gut ausgebaute Schnellstraßen, da auch kein Arzt – vergröbert gesprochen.

Es wird also ein ganzes Bündel an Maßnahmen notwendig sein, um die ungleiche Verteilung von Ärzten ins Lot zu bringen.

Zunächst muss man bessere Honorare bezahlen, vor allem in jenen Fächern, die hohen Betreuungsaufwand implizieren. Man muss Teilzeitbeschäftigung. Gruppenpraxen und Zweiteilung von Praxen (jeweils halbtags ) fördern – gesetzlich und infrastrukturell. Und man muss die demographische Entwicklung sowie den Abbau von Infrastruktur ebenso berücksichtigen, wie die Vernetzung von Krankenhäusern mit dem niedergelassenen Bereich forcieren. Und es muss eine deutliche bürokratische Entlastung kommen – sonst werden immer weniger Ärzte bereit sein, sich niederzulassen. Oder in Krankenhäusern zu arbeiten, wo sie jenseits der Qualifikation eingesetzt werden.

Vor allem aber muss man den Ärzten seitens der Politik jene Wertschätzung entgegenbringen, die sie verdienen: Menschen, die lange Ausbildungszeiten auf sich nehmen, in der Regel um ein Drittel bis 50 Prozent mehr Wochenstunden arbeiten, als der Rest der Bevölkerung und beträchtlich höhere Risiken und Verantwortung auf sich nehmen.

Sonst driftet der Gap zwischen älteren pensionsreifen Ärzte und jungen Ärzte noch weiter auseinander.

Tun wir etwas und erhöhen endlich die Ausgaben für die Gesundheit – besser gesagt die Investitionen in die Gesundheit.

Es zahlt sich aus. Gesünderes Leben, geringere Ausfälle für die Wirtschaft und nachhaltiges Wachstum. Das müssten Alle, denen an einem guten und nachhaltigen Gesundheitssystem gelegen ist, einsehen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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