Schuster, bleib bei deinen Leisten! Über einige Erosionen in der Gesundheitsversorgung.

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In Deutschland wird derzeit ernsthaft überlegt, dass Apotheken und Apotheker Impfungen übernehmen und dass Pfleger Patienten untersuchen und entscheiden, ob sie zum Arzt gehen müssten oder auch „so“ behandelt werden können. Sie sollen auch Medikamente verschreiben können.

Diese Entwicklungen sind bedenklich, da sie nicht aus begründeten Überlegungen kommen, sondern kraft größer werdenden Ärztemangels angestellt werden.

Nun lässt sich der Ärztemangel nicht durch Verlagerung von ärztlichen Tätigkeiten an andere Berufe beheben. Das wäre grob fahrlässig und würde nicht nur Patienten verunsichern, sondern auch Fragen nach Haftung und Verantwortung neu aufwerfen.

Medizin ist kein Gewerbe, für das man einfach einen Schein einlösen kann, sondern die Ausbildung zum Arzt ist eine der komplexesten, langdauerndsten, die es gibt.

Nur weil die Gesundheitspolitik nicht weiß, wie sie mit der Unterversorgung – vor allem im kassenärztlichen Bereich und am Land sowie dünner besiedelten Regionen – umgehen soll, besteht noch lange kein Grund, gegen Grundsätze der ärztlichen Verantwortung und Aufgabenstellung zu verstoßen.

Dass man Pflegefachkräfte besser einsetzen sollte, als es bisher geschieht, ist klar. Denn zum Betten machen oder Essen austragen sind sie wirklich nicht da.

Das ist ja das große organisatorische Problem an den Spitälern: viele Fachkräfte werden unter ihren Qualifikationen eingesetzt. Turnusärzte müssen protokollieren oder administrieren und werden als Spritzenferdl eingesetzt, Pfleger müssen Arbeiten erledigen, die auch Küchenfachkräfte tun können. So entsteht eine Asymmetrie, die kontraproduktiv und teuer ist.

Dasselbe ist bei den Ambulanzen: Viele  krankenhausambulante Fälle könnten durch niedergelassene Ärzte effizienter, billiger und vor allem zielgerechter behandelt werden. Und Krankenhäuser könnten entlastet werden.

Aus der Misere kommt man aber nicht heraus, wenn man nur ärztliche Tätigkeiten an nicht ärztliche Berufe auslagert. Das ist grob fahrlässig und stellt den Gesundheitspolitikern ein miserables Zeugnis aus.

Apotheken sollen beraten, Patienten aufklären, nicht verschreibungspflichtige Medikamente verkaufen – wegen eines Schnupfens muss man nicht zum Arzt gehen. Aber sie sollten das tun, wofür die Apotheker ausgebildet wurden.

Telemedizin und Onlineberatung sind dort sinnvoll ist, wo es lange Wege bis zum nächsten Arzt gibt – etwa in den skandinavischen Ländern. Das ist auch logisch. Auch  fachliche telefonische Beratung, wie sie in Österreich angeboten wird, ist sinnhaft, vor allem in den Nachtstunden und am Wochenende.

Doch das alles kann den Arzt nicht ersetzen. Und darf es auch nicht.

Also: Macht eine bessere Gesundheitspolitik statt das System weiter zu erodieren.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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