Eine Million freiwillige, unbezahlte Pflegekräfte – Wie lange noch? Wie ein System die Menschen belastet.

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Nun ist es gewissermaßen amtlich: Die jährlichen öffentlichen Ausgaben im Pflegebereich belaufen sich – jüngste Zahl aus 2106 – auf 1,942 Milliarden Euro. Davon entfallen 1,405 Milliarden auf stationäre Dienste und lediglich 399 Millionen auf mobile Dienste. Das ist ein krasses Missverhältnis. Denn lediglich ein geringer Anteil ist in Pflegeheimen untergebracht. 81.000 Pflegebetten stehen zur Verfügung. Aber Zuhause werden geschätzt 150.000 Personen betreut. Und privat wird für Pflege von den Österreichern 1,3 Milliarden in Pflege investiert. Das ist gewaltig.

Noch höher ist die Zahl derjenigen, die ausschließlich oder vor allem von den Angehörigen gepflegt sind. Knapp 950.000 Österreicher leisten als Angehörige oder Freunde kostenlose Pflegearbeit. Dass diese Zahl schrumpfen wird, liegt auf der Hand: Die „Pflegenden“ werden immer älter, die Zahl der jungen Singles steigt, Familienstrukturen wie noch im 20. Jahrhundert gibt es kaum mehr. Dazu kommt die räumliche Trennung und die Tatsache, dass immer mehr Frauen arbeiten – Pflegearbeit ist aber immer noch klassische Frauentätigkeit.

Es herrscht also dringlicher Handlungsbedarf. Vor allem bei den mobilen Pflegeservices, die zudem wesentlich günstiger kommen als stationäre. Abgesehen davon, wollen Menschen solange es geht Zuhause betreut werden – in der gewohnten Umgebung. Die Alterskurve steigt weiter an, 2030 wird es bereits knapp 670.000 Überachtzigjährige geben.

Was fehlt, ist ausgebildetes Pflegepersonal. Nahezu 90 Prozent der 24-Stunden-Pflegerinnen kommen aus dem benachbarten Ausland, ihre Qualifikation ist unterschiedlich, die Belastungen hingegen dramatisch. Und den größten Anteil an den Einnahmen lukrieren die Pflegeagenturen.

Notwendig sind mehrere Maßnahmen: Benefits für die pflegenden Angehörigen, Dezentralisierung der mobilen Pflege, bessere Bezahlung der Pflegefachkräfte und eine Imagekampagne – denn der Beruf des Pflegers hat kein gutes Image und gilt nicht als attraktiv. Ebenso sollte es mehr alternative Wohnformen geben – Seniorenwohngemeinschaften oder mehr Tagesbetreuungsstätten.

Die Regierung hat ein „Gesamtpaket“ versprochen. Wie es aussieht solle man Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres erfahren. Es muss mehr sein als ein Zukunftsprojekt. Akute Hilfe ist jetzt und gleich angesagt.

Das Pflegeproblem betrifft nicht nur Österreich, sondern nahezu alle EU-Länder. Überall steigt die Lebenserwartung und nirgends gibt es genügend vorsorgende Strukturen.

Sich auf die Angehörigen zu verlassen und ihnen nicht einmal Kosten zu refinanzieren, ist töricht. Und auch nicht würdevoll.

Es ist Zeit zu handeln.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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