Pflege! Notstand! Wir brauchen mehr als Punktaktionen!

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Es war an der Zeit: Die Politik hat erkannt, dass es einen Pflegenotstand gibt. Rasche Lösungen mit nachhaltigem Charakter sind notwendig. Ein Herumstreiten darüber, wie man die Pflege finanzieren soll – Pflegeversicherung oder Finanzierung aus dem Budget – ist müßig. Ein reicher Staat muss sich leisten können, dass Menschen in Würde und mit entsprechender Betreuung altern können. Schließlich habe die meisten lange genug in das Sozialsystem eingezahlt und Steuern entrichtet.

Das Problem ist dem in der Gesundheitsversorgung ähnlich: Vor allem fehlt es an Personal und infrastrukturellen Einrichtungen. Lange genug hat man sich darauf verlassen, dass sich die Angehörigen um ihre Eltern oder Verwandten kümmern. Das wird zunehmend schwierig. Denn in der Altersgesellschaft sind auch die Angehörigen teilweise nicht mehr in der Lage zu helfen. Zudem haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert. Es gibt die klassischen Familien nicht mehr. Und es gibt keinen Generationenvertrag mehr. Wir reden nämlich nicht mehr von drei Generationen, die parallel leben, sondern von  fünf.

Jahrelang wurde verabsäumt den Pflegeberuf imagemäßig und in der Bezahlung aufzuwerten. Bis heute ist es zudem nicht möglich gleich nach der Pflichtschule eine entsprechende Ausbildung zu absolvieren – hier hinkt das Bildungssystem nach. Was in der Schweiz und in Deutschland funktioniert – und boomt – sollte auch bei uns möglich sein.

Notwendig ist auch ein österreichweit einheitliches Pflegegesetz. Derzeit bestimmen die Bundesländer, ab welcher Pflegestufe man beispielsweise Anrecht auf einen Platz im Heim hat.

Es ist richtig, dass man Menschen so lange wie möglich zu Hause pflegen sollte. Die älteren Personen wollen das auch. Doch zumeist stimmt die Infrastruktur nicht. Barrierefreie Räume und Zugänge, ausreichend Platz für 24 Stunden Hilfe

Die mobilen Pflegeservices wurden eher abgebaut als aufgebaut. Grund: Personalmangel und zu großer Druck auf die Pflegekräfte, sodass viele den Beruf wieder aufgeben mussten.

Jetzt herrscht Pflegenotstand und er wird noch dramatischer werden. Durch die höhere Lebenserwartung ist auch die Zahl der chronisch Kranken gestiegen. Wir alle wissen nicht, wie wir künftig mit Altersdemenz umgehen werden und wie man Menschen mit eingeschränkter Mobilität genügend Bewegungsmöglichkeiten bieten kann. Das gilt für Großstädte ebenso wie für ländliche Regionen, wo die öffentlichen Verkehrsmittel sukzessive ausgedünnt wurden.

Die Medizin hat gewaltige Fortschritte gemacht – doch Pflege ist keine rein medizinische Herausforderung. Sie ist vor allem eine Frage der Zuwendung und der Lebensinfrastruktur und hier herrscht gewaltiger Nachholbedarf.

Die Zivilgesellschaft muss begreifen, dass Pflege alle angeht. Und die Politik muss rasch handeln und nochmals: Am Geld darf es nicht scheitern.

Das wäre würdelos.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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