Nein zur Zweiklassen Medizin. Ja zur Sonderklasse. Nein zu Ideologie. Ja zur gerechten Gesundheitsversorgung.

1,286 total views, 5 views today

Zweiklassenmedizin heisst, dass Einige medizinische Leistungen in Anspruch nehmen können, weil sie genügend finanzielle Mittel haben, andere hingegen nicht, weil Kontingente und Ressourcen erschöpft sind. Zweiklassenmedizin heisst, dass es keinen niedrigschwelligen Zugang zur Spitzenmedizin und keine funktionierende Notfallversorgung gibt. Von alledem kann in Österreich nicht die Rede sein.

Sonderklasse heißt: freie Arztwahl, besserer Rundumservice und höhere Disponibilität über Termine. Dafür zahlen Menschen freiwillig in eine Zusatzversicherung. Und da tagesklinische (man kann am selben Tag des Eingriffes das Krankenhaus verlassen) Leistungen stark zunehmen – Augen Ops, Stents, einfache operative und invasive Eingriffe (Arthroskopie, Hernien etc.) – erscheint es auch logisch, dass öffentliche Krankenhäuser auch hier Sonderklassenzuschläge verlangen. Es kommt ja nicht nur den Patienten zugute, sondern auch dem – zumeist defizitären- Spitalsbetrieb.

Es geht nicht um eine „fast lane“ in der Spitalsambulanz, sondern um Eingriffe, die nunmehr tagesklinisch erfolgen können und die man allen Patienten, nur sozialversicherten, aber auch zusatzversicherten, anbieten sollte.

Warum dagegen ein inszenierter Sturm der Empörung ausgebrochen ist und von Zweiklasssen-und Millionärsmedizin gesprochen wird, ist schleierhaft und auch nicht nachzuvollziehen.

Die Zusatzversicherung als zweite  Säule der individuellen Gesundheitsvorsorge bringt dem öffentlichen Gesundheitssystem zusätzliche Einnahmen, die allen zugutekommen. Und diese Zusatzversicherungen sind keineswegs Ursache für eine Zweiklassenmedizin, die es in Österreich tatsächlich gibt –  aus organisatorischen und sozialpolitischen Schwächen und aus einem falschen Spargedanken heraus.

Dass durch den medizinischen Fortschritt viele stationäre Aufenthalte nicht mehr notwendig sind, ist ja etwas Gutes. Patienten können früher nach Hause gehen und rascher mit der Rehabilitation beginnen, als in Akutbetten herumzuliegen.

Ja wenn? Ja wenn es genügend Personal in den Krankenhäusern gäbe und ein funktionierendes System der postklinischen Betreuung und Rehabilitation zu Hause. Wenn es mehr niedergelassene Kassenärzte gäbe, welche die Nachbetreuung coachen können. Vor allem im allgemeinmedizinischen Bereich.

Zweiklassenmedizin herrscht dann, wenn es Rationierungen gibt und Restringierungen. Wenn ältere Menschen in England jahrelang auf eine Hüftoperation warten müssen, weil die Kontingente verbraucht sind, dann ist das Zweiklassenmedizin. Wenn man zuerst die Scheckkarte ziehen musss, um Zugang zu einer Ordination zu finden, dann ist es Zweiklassenmedizin. Wenn zunehmend die private Gesundheitsversorgung dominiert und die öffentliche zurückgefahren wird, dann ist es Zweiklassenmedizin.

Wenn also öffentliche Spitäler Sonderklassenservice im Ambulanz Bereich für Eingriffe die bisher mit einem stationären Aufenthalt verbunden waren und die heute ohne stationäre Aufnahme durchgeführt werden können, anbieten, dann ist es – im Gegenteil – ein wesentlicher Schritt zur Verhinderung einer Zweiklassenmedizin: Denn es bedeutet Zusatzeinnahmen die der Allgemeinheit zugute kommen – und nicht Investoren, die beispielsweise an privaten Ambulatorien oder Kliniken beteiligt sind.

Deshalb: die Angelegenheit ist zu ernst, um Ideologien und Polemiken zu starten. Wir haben genügend andere Probleme: Zum Bespiel  dafür zu sorgen, dass es genügend Nachwuchs im medizinischen und pflegerischen Bereich gibt. Und ein funktionierendes postoperatives Betreuungs- System, mehr Pflegebetten und ein nachhaltige Stärkung des Allgemeinmediziners.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen