Systemische Überforderung…oder warum man Ärzten so viel aufbürdet.

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Manchmal erinnert die Gesundheitsdiskussion an die Schuldebatte: Aufgaben, die die Zivilgesellschaft nicht mehr selbst erfüllen kann, werden an die Schule delegiert. Sie wird immer mehr zum Eltern- und Lebensschule-Ersatz. Gleichzeitig schränkten Gesetze die Autonomie und Autorität von Lehrern immer stärker ein.

Dasselbe bei den Ärzten: Die administrativen Tätigkeiten explodieren. Ärzte sollen zudem noch Tätigkeiten übernehmen die sie von ihrem eigentlichen Aufgabenbereich entfernen: Sie sollen Techniker, EDV-Experten, Sozialhelfer und rundum verfügbare Geister sein. Das führt zur Implosion eines Systems.

Österreich schneidet seit Jahren in Sachen Bildung im OECD-Vergleich schwach ab, obwohl genügend Geld in die Bildungspolitik fließt. Offensichtlich nicht richtig verteilt.

Österreichs Gesundheitssystem hält sich in den Rankings zwar immer noch gut, in Details aber sieht man den Abbau von Qualität: Vorsorge und Früherkennung, allgemeiner Gesundheitszustand der Bevölkerung. Nun sollen es die Ärzte richten.

Die Forderungen klingen simpel und werden immer mehr.

  • Wenn es zu wenige Kinderärzte gibt, sollen halt Allgemeinmediziner Kinder behandeln.
  • Wenn es überfüllte Ambulanzen gibt, dann sollen die niedergelassenen Ärzte halt am Wochenende und am Tagesrand auch offen haben.
  • Wenn es zu wenige Ärzte für die Totenbeschau gibt, sollen halt Notfallärzte diesen Job – gezwungenermaßen – übernehmen.
  • Wenn es keinen Sozialarbeiter gibt, sollen sich halt Ärzte der psycho-emotionalen Betreuung annehmen.

Dass die „nichtmedizinische“ Belastung der Ärzte – selbst in der Ausbildung – eklatant gestiegen ist, dass wir einen gefährlich großen Ärztemangel haben, gleichzeitig aber die Bevölkerung rasch wächst und immer älter wird, scheint niemanden zu interessieren.

Dass wir auch deshalb einen Nachwuchsmangel bei Ärzten haben, weil viele ins Ausland gehen, da die Arbeitsumstände bei uns nicht zufriedenstellend sind, wird geflissentlich übersehen.

Dass Ärzte unter allen Berufen die wohl längste und intensivste Ausbildungszeit haben, wird ebenso wenig bedacht, wie die Tatsache, dass sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen verändert haben: Die Zahl derjenigen, die sich ausschließlich auf den Arztberuf konzentrierten und auf ihre individuellen Lebenskonzepte verzichteten, wird immer geringer – logischerweise. Die Bereitschaft zur Selbstausbeutung ist nicht mehr da.

Der Arztberuf wird weiblich. Das ist gut so. Gleichzeitig braucht es dazu aber auch eine neue Struktur in der Arbeitsorganisation: mehr Teilzeit, mehr Kooperation und Arbeitsteilung, andere, hierarchische Strukturen und vor allem Kinderbetreuungsangebote direkt vor Ort – in den Spitälern zum Beispiel.

So aber wird Ärzten immer mehr aufgepfropft, werden Haftungen und Verantwortlichkeiten immer größer, wird der Aktionsradius eingeschränkt. Das ist gefährlich, demotivierend und überfordernd zugleich.

Ärzte haben Heilkunde studiert. Und darum geht  ist primär. Noch immer ist die Berufsbezeichnung Humanmediziner, und noch immer zählt der Hippokratische Eid, respektive die Genfer Deklaration.

Politik klopft sich gern auf die Schulter, spricht gern von Rationalisierung und Optimierung, vom schlanken Staat und den schlanken Systemen. Und zumeist schaut sie weg, wenn es darum geht, den Kit einer Gesellschaft zu formen und Zusammenhalt zu fördern.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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