Wo bleibt die Ethik? Eine Debatte jenseits der Ökonomie und des Gesundheitssystems.

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In Würde alterten. In Würde streben. Das ist Grundverpflichtung einer sozialen, humanistisch orientierten Gesellschaft. Die Würde und das Wohlbefinden haben in der aktuellen Diskussion um Gesundheitsversorgung, Systemerosion und Finanzierung nur mehr wenig Raum. Das ist ein Fehler. Denn exakt das Ausblenden von menschlichen Faktoren – Zuneigung, Empathie, Wohlbefinden vor technischer Rehabilitation und Reparatur – führt zu einer falschen Ökonomisierung. Vollzeitäquivalente statt Herzen und Seele.

Niemanden zurückwiesen, der krank und leidend ist. So steht es im hippokratischen Eid. Und in der Neufassung: :Wohlbefinden hat denselben Stellenwert wie physische Gesundheit und Funktionieren des Körpers.

Medizin und Versorgungssystem haben in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht – deshalb leben Menschen auch länger und die meisten sind auch länger mobil. Was  nicht so weit fortgeschritten ist, ist das Verständnis für Alter, Gebrechlichkeit und verminderter geistiger und körperlicher Fitness.

Pflege heißt nicht alleine körperliche und medizinische Hilfe. Pflege heißt den Menschen das Gefühl geben, dass sie Recht auf ein anerkanntes Leben haben, dass sie nicht vereinsamen müssen.

Wenn man Befragungen studiert, ist eine der größten Befürchtungen von Menschen nicht nur Krankheit, sondern Einsamkeit und Alleingelassenheit im Alter. Ausgegrenztsein aus der dynamischen, effizienten Gesellschaft.

Wir sollten – gerade in Zeiten der zunehmenden Isolierung und des Schürens von Ängsten vor anderen Fremden – den Aspekt der Zuneigung und Anerkennung in die Diskussion bringen.

Zuerst kommt das Reden, dann die Moral, schreibt Brecht. Und Freud meint, Kultur sei der ewige Kampf der Barbarei in uns.

Vielleicht sollten wir unsere Sprache überdenken: Nicht mehr von Pflege- und Krankheitsfällen reden, sondern von Menschen, die Zuneigung und Hilfe benötigen.

Ärzte empfinden sich schon seit langem nicht mehr als Götter in Weiß. Wir wissen um die Begrenztheit unserer Fertigkeiten und Fähigkeiten.

Viele Patienten können sich weder artikulieren noch ihre Schmerzen beschreiben oder Zusammenhänge erklären. Diese Menschen brauchen die richtigen Worte und Gesten: gleichgültig welchen Alters, welchen Bildungsgrades und welcher Sprache.

Man kann nicht nicht kommunizieren, sagt Watzlawick. Und gleichzeitig: Kommunikation findet dann statt, wenn eine Synchronizität zwischen den Kommunizierenden hergestellt ist.

Diese Balance ist Voraussetzung für ein funktionierendes und vor allem humanes Gesundheitssystem.

Es geht nicht immer darum, komplette Gesundheit herzustellen, sondern vor allem Wohlbefinden. Und die Fähigkeit mit Handicaps und Einschränkungen umzugehen.

Auch darüber sollte man einmal reden, bevor man andauernd Optimierung, Effizienz und Rationalisierung in den Mund nimmt.

Menschen sind nicht Maschinen. Und diejenigen, die Gesundheitsberufe und medizinische Berufe ausüben, auch nicht.

Übrigens: Auch Ärzte benötigen Wertschätzung. Das sollten die Verantwortlichen auch einmal bedenken.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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