Verschubbahnhof und Verschubmasse? So kann kein Gesundheitssystem funkionieren.

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Manchmal erinnert das Gesundheitssystem an einen permanenten Frachtbahnhof: Patienten werden hin und hergeschoben, Leistungen finden auf mehreren Geleisen parallel statt und Ärzte werden von einem Waggon – sprich Abteilung – zur anderen geschickt. Überall Hektik. Und niemand greift ordnend ein. Am Bahnsteig stehen verwirrte Patienten.

Jedes Jahr droht der Grippeimpfstoff auszugehen, ausgerechnet vor der zu erwartenden Grippewelle, und jedes Jahr hört man aus den diversen Kliniken und Krankenhäusern Hilfeschreie: Mit dem vorhandenen Personal könnten Leistungsspitzen gerade zu Weihnachten nicht mehr abgedeckt werden. Abteilungen werden vorübergehend geschlossen oder formal zusammengelegt.

Und jedes Jahr kommt von sogenannten Experten wie Patientenanwälten und Co. der Vorwurf, es hätten zu viele niedergelassenen Ordinationen geschlossen – weil sich die Ärzte erlaubten, auch einmal auf Urlaub zu gehen und Weihnachten mit den Familien zu verbringen. Ist das verboten ?

Und jedes Jahr gibt es um die Jahreswende mehr Freizeit- und Sportverletzungen. Die Tourismuswirtschaft boomt, verlautbart Rekordzahlen. Das Risikobewusstsein der Konsumenten wird geringer, die Lust am Abenteuer größer. Dass damit auch die Gesundheitskosten steigen, interessiert niemanden. Wobei die Gesundheitsausgaben in Österreich relativ konstant bei 10,3% vom BIP und damit unter den Ausgaben von Deutschland oder der Schweiz liegen.

Wann wird Gesundheitspolitik final einsehen, dass es für alles vor allem einen Grund gibt: zu wenig Personal. Zu wenig Nachwuchs. Zu wenige Redundanzen. Und jedes Jahr der Verweis auf die Statistiken, in Österreich gäbe es ohnehin genügend Ärzte – mehr als im EU Schnitt – und Akutbetten in Hülle und Fülle. Dass die Statistiken nicht stimmen, wird nicht gesagt.

In den nächsten Jahren könnte Österreich knapp 10 Millionen Einwohner haben und die Hälfte der Bevölkerung ist im Pensionsalter.

Das Gesundheitswesen ist – und das ist gut so in entfremdeten Zeiten – ein personalintensives und betreuungsintensives. Mit Maschinen und Medikamenten wir niemand gesund.

In allen großen Konzernen, die weltweit erfolgreich tätig sind, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Hauptressource der Faktor Mensch ist.

Nur für das Gesundheitswesen scheint sich das noch nicht durchgesprochen zu haben.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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