2019-das Jahr der Pflege. Ja aber bitte ernsthaft. Und nachhaltig.

1,537 total views, 5 views today

Bundeskanzler Kurz hat 2019 als Jahr der Pflege ausgerufen. Die Regierung plant ein umfassendes Pflegepaket. Vielleicht sollte sie parallel dazu auch ein Jahr der Armutsbekämpfung ausrufen. Denn die Zahl der Armutsgefährdeten- vor allem bei Alleinverdienerinnen und Alleinerzieherinnnen -wird immer bedrohlicher. Indirekt hat das auch mit Pflege zu tun. Und mit Gesundheitspolitik. Zu hoffen ist, dass das Pflegepaket mehr ist als die ebenso vollmundig ausgerufene Krankenkassen Reform. und etwa besser durchdacht.

De facto haben wir-seit einigen Jahren schon -einen Pflegenotstand in Österreich. Und dieser Notstand wir sich -aus demografischen Gründen und Mangel an Pflegefachkräften – noch weiter verschärfen.

Derzeit werden jährlich etwa 2,1 Milliarden Euro seitens der öffentlichen Hand für Pflege ausgegebene. Gesamt sind es 4 Milliarden Euro. Davon entfallen 1,4 Milliarden Euro auf stationäre Pflege.

Es gibt etwa 75.ooo stationäre Pflegefälle (und Betten) , hingegen werden über 150.ooo intensiv pflegebedürftige Menschen zuhause betreut, zum Großteil von den Angehörigen, die nichts dafür bekommen. Für die Förderung der 24 Stundenhilfe werden im Vergleich lediglich etwa 150 Millionen investiert. Das ist eine eklatante Asymmetrie: die meisten Pflegefälle werden zuhause betreut und wollen auch so lange wie nur möglich daheimbleiben können. Das wird auch von nahezu allen Gesundheits-und Sozialexperten befürwortet.

Bereits 2030 werden die Pflegekosten deutlich höher sein – nämlich um 332,5 Prozent. Und es wird weiter nach oben gehen, weil die Lebenserwartung weiter steigt und die Baby Boomer Generation in den nächsten Jahren in die Pension geht. Und es kommen weniger jugendliche Erwerbstätige nach.

Das muss finanziert werden. Und nicht nur das: es muss die gesamte Struktur verändert werden. Wohn- und Umfeld Struktur., Nahverkehrsmittel, mobile Services auf hohem Niveau, Nutzen der Robotik und Telemedizin.

Vor allem aber muss es – jenseits der Kosten- genügend fachlich ausgebildete Pflegekräfte geben.

Derzeit werden die 24 Stunden-Services, die nicht immer als Fachpflege einzuschätzen sind -zu mehr als 80 Prozent von ausländischen Pflegerinnen übernommen, die wieder zum Großteil durch Agenturen vermittelt werden, die nicht den besten Ruf haben. Zudem ist es fraglich, ob dieses Potential auch in Zukunft noch ausgeschöpft werden kann. Auch in den Nachbarländern ändern sich Lebensstile und Lebensqualität, das Wirtschaftswachstum ist im Schnitt höher als bei uns.

Es gibt in Österreich- auch in den Spitälern-  einen eklatanten Mangel an Pflegekräften und wenige Anreize diesen Beruf zu ergreifen: Einstiegshemmnisse, schlechte Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen, kein besonders gutes Image. Das ist in anderen Ländern anderes.

Man muss also mehrere Maßnahmen gleichzeitig setzen : Umwandlung von Akutbetten in Pflegebetten, Investitionen in seniorengerechte  Wohnungen und Wohnformen wie beispielsweise Wohngemeinschaften, in Tagesbetreuungszentren – insbesondere für demenzerkrankte Menschen. Der Gap wird größer als kleiner. Und nicht zuletzt wird man sich auch für die Angehörigen etwas einfallen lassen, die den Großteil der Altenbetreuung stemmen- zumeist Frauen, die noch dazu keine optimale Altersvorsorge haben. Oder Kinder, die teilweise psychisch überfordert sind.

Urlaubstage für pflegende Angehörigen werden zu wenig sein. Vorstellbar ist ein Entgelt oder zumindest die Anrechnung der Pflegezeit für die Pension.

Nicht zuletzt werden die medizinischen Kosten steigen. Menschen werden zwar älter was aber nicht heisst dass sie gesund älter werden. Sie bedürfen intensiverer medizinischer Zuwendung, Therapie oder häufigerer operativer Eingriffe als jüngere.

Man wird um eine umfassende Finanzierungslösung – ob Pflegeversicherung ähnlich der Pensionsvorsorge oder Pflegegarantie bleibt sich letztlich gleich- nicht herumkommen. Wichtig ist, dass für alle die gleichen Voraussetzungen herrschen und es nicht zu Mehrklassenpflegesystem kommt. Almosen für die Armen und Luxus für die, die es sich leisten können.

Und es muss eine Ausbildungsoffensive geben und eine Lockerung der Arbeitsgenehmigungen für ausländische Fachkräfte, sonst ist die Lücke nicht zu füllen. Ebenso muss es Umschulungsinitiativen geben, allerdings zielgerecht und geplant. Und: Höhere Gehälter, flexiblere Arbeitszeiten.

 

Das zu stemmen, ist ein großes Vorhaben. Jahrelang wurde das Pflegeproblem verdrängt. Jetzt muss es breiten Konsens geben und solidarisches Agieren alle Kräfte der Zivilgesellschaft. Ein Drüberfahren wäre nicht geeignet.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen