Arm, bildungsfern, krank Einen Ausweg aus der Spirale finden. Pflicht für den Wohlfahrtsstaat.

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Mehr als 300.000 Kinder leben unterhalb der Armutsgrenze, hat die Volkshilfe bekannt gegeben. Mehr als die rein materielle Armut weigt das Ausgegrenzt sein: Kein Internet, kein Urlaub, kein Wohnkomfort, keine Kontakte zu anderen Kindern. Das macht depressiv, krank, perspektivenlos. Die Volkshilfe fordert 600 Euro Zuzahlung für solche Familien. Zu recht.

Die niedrigste Lebenserwartung Österreichs haben Menschen in Ottakring. Sie sterben um 10 Jahre früher als die Durchschnittsösterreicher, sind stärker krankheitsauffällig, übergewichtig und leiden an chronischen Abnützungserscheinungen. Und: sie haben wenig finanzielle Mittel um ihre Kinder adäquat zu erziehen und auszustatten. Kein Skikurs, keine Geburtstagseinladungen bei Freunden, weil sie sich die Geschenke dafür nicht leisten können.

Das alles klingt angesichts der großen Herausforderung, vor denen unser Gesundheits-, Sozial- und Pflegesystem steht, banal. Es ist aber ein Symptom für eine immer stärker auseinanderdriftende Klassengesellschaft.

Arme und bildungsferne Menschen tun sich schwer in der Kommunikation mit Arzt und Gesundheitsbehörden, können ihre Leiden nicht richtig beschreiben, sind überfordert bei der Therapie und können sich oft auch nicht leisten, sich gesund zu ernähren, weil ihnen Wissen und Geld fehlt.

Es gibt kulturelle Tabus, die Behandlungen und Untersuchungen hemmen, dafür ist die Affinität zu Tabak, teilweise auch Alkohol, höher.

Ökonomen schätzen, dass der Anteil an Armen in der Gesellschaft um 5 bis 10 Prozent weiter steigen wird und immer öfter trifft es arbeitende Alleinerziehende und Mindestrentner. Also Menschen, die in das System eingezahlt haben oder einzahlen. Jede Ausgabe, die alltägliche Bedürfnisse überschreitet – sei es lediglich ein neuer Kühlschrank oder eine Gastherme – stellt sie vor schwer lösbare Probleme. Das Schlagwort: nicht heizen oder nicht essen ist keineswegs Vorteil. Es bestimmt die Lebensrealität vieler, vor allem älterer Österreicher.

Gesundheitsversorgung ist demnach mehr als Krankenversorgung. Gesundheitspolitik ist Sozialpolitik, Bildungspolitik und vor allem eine Frage der gerechten Umverteilung. Und eine Frage der rechtzeitigen Vorsorge, Prävention und Früherkennung. Hier müssen wir investieren. Und gemeinsam uns dafür einsetzen, dass Armut in bestimmten Gesellschaftsschichten wieder sinkt und damit der Gesundheitszustand der Österreicher im Durchschnitt steigt.

Dazu zählt auch ein barrierefreier Zugang zu Medizin. Auf allen Ebenen. In der Kommunikation mit den Ärzten, den Pflegkräften, in der Begleitung bei der Therapie und in Form von verpflichtenden, regelmäßigen und umfassenden Gesundenuntersuchungen. Am besten gleich aber der Vorschule und Volksschule.

Wie gesagt, es sind scheinbar kleine Probleme, aber der Rand der Gesellschaft wird immer stärker. Und das führt neben gesundheitlichen Problemen auch zu sozialen Konflikten. Wer ausgegrenzt ist, nimmt auch nicht Teil am demokratischen Leben und gesellschaftlichen Prozessen.

 

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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