Sind die privaten Versicherer schlechter als ihr Ruf? Signifikante Schwächen bei Rehabilitation, Palliativversorgung und Pflege.

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Private Versicherungen, so hat eine Studie von Premium Circle in Deutschland ergeben, sind der gesetzlichen Krankenkasse in weiten Teilen unterlegen. Selbst bei den Top Tarifen decken die Privaten nur 27 Prozent der als unverzichtbar definierten Mindestabsicherungen, ab, bei der GKV sind es lediglich 3 Prozent. Ein Plädoyer für die gesetzliche Krankenversicherung.

Natürlich: In Deutschland herrscht im Gegensatz zu Österreich Versicherungspflicht statt Pflichtversicherung. Der Betreffende kann sich aussuchen, bei welcher Versicherung er sich versichern möchte. Die Privaten locken dabei mit günstigen Tarifen und anscheinend  besseren Leistungen – wobei sich offensichtlich vieles als übertrieben oder falsch dargestellt entpuppt. Zudem passen sie ihre Tarife immer mehr nach oben an und reduzieren die Leistungen. Viele sind in den vergangenen Jahren in den Konkurs gegangen oder mussten zwangsfusionieren.

Wir sollten deshalb froh sein, dass es in Österreich starke gesetzliche Pflichtversicherungen gibt. Und wir sollten alles dafür tun, dass diese Versicherungen, sprich Krankenkassen, in Selbstverwaltung bleiben.

Es ist gut, dass es private Zusatzversicherungen gibt. Sie entziehen sich aber aus der Sicht der Konsumenten der echten Transparenz. Tarife – insbesondere dabei älteren Menschen – werden erhöht, oder Leistungen reduziert. Und viele, die jahrzehntelang eingezahlt haben, können sich im Alter aber die Prämien nicht mehr leisten und sind wieder auf die Leistungen der gesetzlichen Kassen angewiesen.

Zudem befinden sich die privaten Versicherungen zunehmend in einer inkompatiblen Doppelfunktion. Österreichs größter Privatversicherer ist gleichzeitig auch Österreichs größter privater Krankenhausbetreiber und -besitzer.

Wie gesagt, nichts gegen private Versicherungen – sie haben ihre Meriten. Aber alles für die Pflichtversicherungen, ob es nun 5, 3 oder 6 Kassen sind. Und alles für eine Harmonisierung der Leistungen.

Gerüchteweise sollen im kommenden Jahr die Krankenkassenbeiträge gesenkt werden. Das wäre fatal: Fatal für die flächendeckende Gesundheitsversorgung und fatal für das – noch – hohe Niveau der medizinischen und therapeutischen Leistungen.

Ein Versicherter muss sich sicher sein können, dass er kosten – und barrierefreien Zugang zur Spitzenmedizin – erhält, angemessene Rehabilitations- und Therapieleistungen in Anspruch nehmen kann und kein Bittsteller ist, sondern jemand der ein Recht auf Gesundheitsversorgung hat.

Unser System läuft derzeit Gefahr ausgehöhlt zu werden. In winzigen, kaum merkbaren Schritten. Der „Anschlag“ auf die Selbstverwaltung und Autonomie der Sozialversicherungen ist bedenklich. Und ein noch stärkeres Hineinagieren der Politik, sprich Bundesregierung, in die Versorgungssysteme ist eine Gefahr.

Gesundheit darf nicht zum Spielball der Politik werden, und schon gar nicht zum ausschließlichen Ertragsbusiness für private Versicherer.

 

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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