Krankschreiben per Whatsapp. Über bedenkliche Entwicklungen im Nachbarland.

1,745 total views, 40 views today

Wer in Deutschland erkältet ist, einen grippalen Infekt oder ähnliche  kurz dauernde Leiden hat und der Arbeit fernbleiben muss, kann sich bei einem Onlinedienst gegen Bezahlung einer geringen Gebühr eine Krankschreibung besorgen – diese wird auch akzeptiert. Ärzte finden diese Methoden nicht glücklich. Dabei sind sie gesetzlich gedeckt.

Die gesetzliche Lockerung im Bezug auf Fernbehandlungen macht das Angebot formal  legal. Die Krankenversicherungen sind zur Anerkennung verpflichtet.

Das „Krankschreibinstitut“ trägt den Titel „AU-Schein“, was zumindest zweideutig zu interpretieren ist. Der Patient muss online lediglich ein paar banale Fragen beantworten, die Anrechnung erfolgt über Paypal. Die Krankschreibung wird verschlüsselt via Whatsapp an die Krankenkasse geschickt.

Die deutsche Ärztekammer ruft zu Skepsis auf und fordert eine neuerliche Überprüfung der gesetzlichen Grundlage sowie des AU-Schein-Unternehmens. Zu Recht, denke ich.

Es geht hierbei um das Prinzip. Und um das ärztliche Ethos. Aber auch um konkrete gesundheitliche Fragen. Was ist, wenn sich die scheinbare Verkühlung als schwerer Infekt herausstellt, der lebensgefährdend sein kann?

Oder umgekehrt: Wie viel an Schindluder wird betrieben, um sich möglichst einfach für ein paar Tage krankschreiben zu lassen? Hier findet – a la Salamitaktik – eine Erodierung der Stellung und der Autonomie des Arztes statt.

Darüber hinaus geht es um die ethische Frage, nämlich um die Verletzung des Hippokratischen Eids.

Immer häufiger gibt es – teilweise durchaus verständliche – Bemühungen, Kompetenzen des Arztes auszuhebeln: Will man damit den Ärztemangel kaschieren?

In Deutschland wird argumentiert, die Krankschreibung via AU-Schein würde Allgemeinmediziner gerade in klassischen Grippe- und Infektionszeiten entlasten, da ihre Ordinationen ohnehin überfüllt seien. Und es wäre schließlich auch für den Patienten positiv, wenn er sich nicht in ein überfülltes Ambulatorium bewegen müsste oder zu einem Arzt.

Das mag einleuchten, ist aber gefährlich und gefährdend. Noch dazu, da es professionelle telemedizinische Einrichtungen gibt, wo Arzt und Patient Face to Face miteinander sprechen könnten.

Noch etwas: Den Ärztemangel beseitigt man nicht durch Kompetenzentzug unter dem Motto der scheinbaren Entlastung, sondern durch Verbesserung der Ausbildung, Erhöhung der Kassenstellen und bessere Rahmenbedingungen.

Doch das wissen wir ja.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen