Wenn die privaten Versicherungen an der Macht sind, dominieren Algorithmen. Der Mensch wird Leistungsmaschine.

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In den USA hat sich – enorm rasch – eine neue Kategorie von Versicherungen etabliert. Sie schließen nur mehr dann Verträge ab, wenn der Versicherte per Live-Tracker alle seine gesundheitsrelevanten Daten tägliche liefert: Blutdruck, Puls, Essenskonsumation, Bewegungskilometer, etc. Die Versicherung weiß, was er wo und wann eingekauft hat, wie viel er aktuell wiegt und bemisst dann flexibel Prämie und Leistung.

Mit einem Wort: Wenn jemand faul ist oder über die Stränge schlägt, zahlt er mehr, der Vertrag wird ihm gekündigt oder Leistungen stark eingeschränkt.

Dazu muss man sagen, dass die USA weltweit die höchsten Gesundheitsausgaben aller OECD-Staaten hat – und zwar mit deutlichem Abstand. Sie sind nicht so hoch, weil der Staat viel ausgeben würde – im Gegenteil: Er zahlt fast nichts, für den Rest müssen die Menschen selbst aufkommen.

Das heißt: Zuerst die Kreditkarte vorweisen und überprüfen lassen, dann gibt es überhaupt einen Arzttermin. Für jede Operation muss man selbst zahlen.

In Deutschland und Österreich beginnen ähnliche Tendenzen um sich zu greifen. Versicherungen bieten Prämien jenen an, die ihre Daten liefern und sich gesund ernähren. Wobei unter Gesundheit nicht Wohlbefinden verstanden wird, sondern Leistung. Der Körper wird als Maschine betrachtet. Läuft diese nicht wie geschmiert, gibt es Konsequenzen. Als Zuckerl gibt es gratis – oder stark ermäßigte — Handys samt Gebührenübernahme.

Versicherungen gehören zu den größten Profiteuren der Web-Industrie und der Selbstvermessung. Nach Apple steigt in diesem Jahr auch Amazon in das Gesundheits-Business ein. Mit Versicherungen und Apothekendiensten. Man braucht keine große Phantasie, um sich die Konsequenzen vorzustellen. Übrigens: Amazons Bedienstete in den USA sind bereits bei der eigenen Versicherung zwangsversichert.

Apple, Google und Amazon haben es relativ einfach. Millionen Kunden sind freiwillig bereit, ihre Daten zu liefern. Dafür erhalten sie Benachrichtigungen, wenn sie ein bestimmtes Tagespensum –beispielsweise 10.000 Schritte – erreicht haben. Und die Datenbanken der Web-Giganten werden immer umfassender und zueinander vernetzt. Sie wissen mehr über uns, als wir selbst.

 

Verhindern können diese Entwicklungen ausschließlich ein starkes staatliches Sozialversicherungssystem und eine barrierefreie gesetzliche verankerte Gesundheitsversorgung für alle. Und durch strikten Datenschutz – in Zeiten, da Jugendliche als Profi-Hacker gesamte Systeme lahmlegen – eine besondere Herausforderung.

Deshalb: Wehrett den Anfängen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn die SVA einen Bonus für besonders gesunde Lebenshaltung verspricht, und es ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, wenn ein großer Privatversicherer First-Class-Ambulanzservices anbietet. Aber es muss legistisch und exekutiv exakt prüfbar sein. Das öffentliche Gesundheitssystem hat Vorrang. Es darf nicht aufgeweicht werden.

Wir wollen keine Zustände, wo sich Menschen lebenslang verschulden, nur um einen Krankenhausaufenthalt bezahlen zu können. Oder gleich drei Jobs über die Pensionierung hinaus ausüben müssen, um die Raten zu zahlen. Das ist die echte und drastische Zweiklassengesellschaft. Das sollte sich die Regierung zehnmal überlegen, bevor sie – aus Populismus – die Krankenkassenbeiträge senkt. Die Leistungseinschränkungen für Patienten folgen auf den Fuß. Und die privaten Versicherungen, die absurderweise zum Großteil auch Klinikbetreiber sind, reiben sich freudig die Hände – und halten sie weit auf.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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